Cover: Sebastian Meschenmoser, Die verflixten sieben Geißlein

Die Ausgangssituation ähnelt dem Grimmschen Klassiker: Mutter Geiß ist fort, die Geißlein sind allein und der böse Wolf will sich – als Mutter Geiß verkleidet – Zugang zum Haus verschaffen, um die Geißlein zu fressen. Alles läuft zunächst nach Plan. Doch was ist in diesem Haus los? Statt der Geißlein findet der Wolf ein entsetzliches Chaos vor, bestehend aus Gerümpel und Hausrat. Folgerichtig muss er erst einmal Ordnung schaffen, um die Geißlein aufzuspüren. Während er ordnet, schrubbt und poliert, verliert er nach und nach sein Ziel aus den Augen und bemerkt nicht einmal, dass ihm die Geißlein zunehmend auf der Nase herumtanzen.

Wie schon bei seiner Rotkäppchen-Adaption (s. RE 35) spielt Meschenmoser auf äußerst amüsante Weise mit Märchenwissen und damit verbundenen Rollenbildern. Seine Geschichte beginnt bereits auf dem Vorsatzpapier: Bis zur Titelseite wird illustrativ erzählt, auf welche Weise sich der Wolf verkleidet, um der Geißenmutter zum Verwechseln ähnlich zu sehen. Durch Meschenmosers Aufbrechen traditioneller Rollenbilder überrascht der Wolf als pedantischer Ordnungsfanatiker und die Geißlein als unerschrockene Quälgeister. Auch Mutter Geiß entspricht so gar nicht dem Bild der sich sorgenden Mutter, sondern tritt als emanzipiertes und pragmatisches Familienoberhaupt und Vollweib in Erscheinung.

Die aquarellierten Bleistiftzeichnungen spiegeln auf formaler Ebene die Dynamik der Geschehnisse überzeugend wider. Insbesondere die textlosen, wimmelbuchähnlichen Doppelseiten laden zum Suchen und Entdecken (nicht nur der Geißlein) ein. Dagegen setzt Meschenmoser prägnante Einzelszenen rund um den Wolf. Der knappe, der Wolfs-Perspektive nahe Text gewährt einen zusätzlichen, die Bilder ergänzenden Einblick in das innere Chaos des peniblen Eindringlings, insbesondere durch dessen lautmalerische Äußerungen („Ha!“,  „Ha…aaa!“, „Haaaarrrghnnpff“), Kommentare („Weit und breit kein Geißlein zu sehen. Kein Wunder bei dieser Unordnung“) oder rhetorische Fragen („Diese verflixten sieben Geißlein. Wo steckten sie bloß?“).

„Die verflixten sieben Geißlein“ sind erneut ein wunderbar originelles Meschenmoser-Bilderbuch voller Witz und Ironie, das Groß und Klein zum Staunen und Schmunzeln bringt. Charmant verweist der Berliner Bild- und Textkünstler zum Schluss mit dem Auftritt der drei kleinen Schweinchen auf eine mögliche nächste Märchenadaption.

Christine Maslok