Cover: Rudyard Kipling; Die Entstehung der Gürteltiere

Kiplings phantastisch-komische „Genauso-Geschichten“ (Just so Stories), geschrieben für Tochter Josephine, erschienen 1902. Beantwortet werden darin dem „allerliebsten Liebling“ die klassischen „warum“-Fragen … Und da diese zeitlos sind, avancierten die Vorlesegeschichten längst zu KJL-Klassikern. Auch in Deutschland  finden sich mehrere Editionen. „Die Entstehung der Gürteltiere“ liegt erstmals als Bilderbuch vor und basiert auf der sprachlich ausgefeilten Übersetzung von Irmela Brender für die Dressler-Klassiker-Reihe 1994.

Gürteltiere entstanden laut kundigem Erzähler aus der Verwandlung eines Igels und einer Schildkröte, um einen fresssüchtigen Jaguar zu überlisten. Dieser hatte von Mami den lehrreichen Hinweis erhalten:„Wer sich einrollt und nicht schwimmt/ist ein Igel, ganz bestimmt, und die Schildkröt’, die kann schwimmen, aber nicht den Rücken krümmen“. Da der Jaguar beim ersten Treffen nicht weiß, „who is who“ und auch Merkfähigkeit und Intelligenz mangelhaft ausgeprägt sind, verschaffen sich Igel und Schildkröte durch Sprach-Verwirr-Spiele Zeit zur Verschleierung der eigenen Identität. So dem Jaguar vorerst glücklich entronnen, erfolgt nun mittels Schwimmtraining und Panzeraufrollen die mühe-, aber auch lustvoll erlebte Anpassung der einen und der anderen an eine dritte Art.

Ulrike Möltgens fantastische Collagen nehmen die Idee der Verwirrung adäquat auf. Schon im Bilder-buch „Bei 3 auf den Bäumen“ (Text: Sakia Hula, RE 28) zeigte sich die Vorliebe der Erlbruch-Schülerin für abstrahierte Dschungelkulissen und Tiergestaltungen. Auch im vorliegenden Buch sind auf grobgeschnittene Buntpapierflächen unzählige, verschiedenfarbige gerissene oder geschnittene Papierschnipsel aufgeklebt und z. T. konturenhaft übermalt. Ein dicker, roter Wollfaden dient als Zeichen von Anderswerden oder aber zum Hervorheben von Konturen, z. B. wenn der tumbe Jaguar sich fast auflöst, weil ihm vom Reden der wehrhaften Freunde schon die Flecken wehtun. Materialverzicht und geordnete Seiten – obwohl auch diese vorkommen – sind Möltgens Sache nicht. Sie schwelgt in Formen und Farben und diese Kreativität überträgt sich mit Gewissheit auf kindliche Betrachter. Nichts leichter als Kinder dazu anzuregen, andere „Genau-so-Geschichten“ mit Buntpapier(resten) ins Bild zu setzen. Literarisch-ästhetische Bildung pur!

Claudia Rouvel