Während sich die „Ballade vom Tod“ damit beschäftigt, was die Abwesenheit von Tod für eine Gesellschaft bedeuten könnte, thematisiert „Der Bär und die Wildkatze“ den individuellen Umgang mit Tod und Trauer.

Kazumo Yumotos Geschichte spielt im Tierreich und erzählt auf sehr feinfühlige Weise vom tiefen Verlust, den ein Bär empfindet, als sein Freund, der kleine Vogel, eines Morgens stirbt. Nach einer gewissen Zeit der Isolation begegnet der Bär einer Wildkatze. Mit deren Verständnis für den Bären beginnt die eigentliche Trauerarbeit. Die Musik, welche die Wildkatze für den Bären und den Vogel auf ihrer Geige spielt, ruft die wunderbaren Erinnerungen der Freundschaft zwischen Bär und Vogel wach und stärkt den Trauernden. Nun kann dieser Abschied nehmen und ein neuer Abschnitt im Leben des Bären beginnt. Dieser wird bestimmt durch die Worte des kleinen Vogels, der einmal sagte: „Mir gefällt heute auch am besten. Besser als gestern oder morgen“.

Die sehr sensible und auch philosophische Geschichte wird von Komako Sakai mit zurückhaltenden Illustrationen auf grobem grauem Papier ausgestattet. Wenn die auf den ersten Blick leicht altmodisch wirkenden Wachsmalkreidebilder anfangs etwas befremden, weil sie modernen Sehgewohnheiten nicht mehr unbedingt entsprechen, so werden sie auf den zweiten Blick der emotionalen Tiefe der Geschichte doch mehr als gerecht. Ganz bewusst wird in den Darstellungen bestimmter Situationen mit Schwarz und Weiß gespielt, die Gefühle des Trauernden mit jeweiliger Nuancierung unterstrichen. Ab und an mischt sich ein zartes Rosa ins Bild, entweder als Erinnerung an das vergangene Glück oder später im Buch als Hoffnungsschimmer für die Zukunft.

„Der Bär und die Wildkatze“ ist ein wunderbares Buch, um mit Kindern über eigene Verlust- und Trauererfahrungen zu sprechen. Dazu könnte man eine Musikauswahl anbieten und überlegen, welches Gefühl jeweils ausgedrückt wird. So wäre ein inhaltlicher Aspekt des Buches aufgegriffen und Kindern das Medium Musik als eine Ausdrucksmöglichkeit für Gefühle nahe gebracht.

Wie die „Ballade von Tod“ zeigt auch „Der Bär und die Wildkatze“, auf welch unterschiedliche Weise das vielschichtige Thema Tod behandelt werden kann und es bleibt zu hoffen, dass dies in Familien, Schulen und anderen Einrichtungen auch getan wird.

(Der Rote Elefant 28, 2010)

Frank Kurt Schulz