Cover: Frida Nilsson, Siri und die Eismeerpiraten

Die 10-jährige Siri und die drei Jahre jüngere Schwester Miki leben mit dem alten, schwachen Vater auf einer kleinen Insel im Eismeer. Eines Tages lässt Siri Miki beim Beerensuchen gegen deren Willen allein und Miki wird von dem berüchtigten Piraten Weißhaupt entführt. Dieser hat es nicht auf Gold und Silber, sondern auf Kinder abgesehen, die er in einer Mine arbeiten lässt. Da niemand der Erwachsenen Siri unterstützt, macht sie sich allein auf die Suche nach Miki, möge diese noch so aussichtslos sein: „ , Ich will zu Weißhaupt‘, sagte ich. Die beiden Matrosen hörten auf zu feixen. ,W-Weißhaupt? ‘, wiederholte der eine mit heiserer Stimme. ,Bist du denn von allen …?‘“

Die vielseitige, mehrfach ausgezeichnete schwedische Autorin Frida Nilsson (u. a. DJLP-Nominierung 2011 für „Ich, Gorilla und der Affenstern; s. RE 29) schildert die komplex konstruierte Odyssee aus der Ich-Perspektive ihrer Heldin, die über ein besonderes Verantwortungsgefühl verfügt und die Gabe, Zugang zu Menschen zu finden. Auf der Suche nach Miki durchläuft Siri verschiedene Stationen und taucht in ihr bisher fremde Lebens- und (Wert)Vorstellungswelten von Menschen ein. Dabei werden unterschiedliche Gründe für deren z. T. eigensüchtiges Handeln offenbar: Da ist der Schiffskoch und Freund Frederik, der seit vielen Jahren etwas Gewissenbelastendes vergessen will oder der Junge Einar, der mit einem abgerichteten Walhuhn der größte Fischer aller Zeiten werden und damit der sozialen Not entfliehen möchte. Anhand dieser Plots werden zutiefst moralische Fragen nach Verantwortung, Schuld, Wiedergutmachung und (Zusammen)Leben diskutiert. Darf man andere, Mensch oder Tier, für seine Zwecke ausbeuten? Darf man resignieren, sich mit etwas abfinden, gar vergessen? Zeigt nicht die Entwicklung der Menschheit, dass die Schwächeren am Ende häufig verlieren? Klar wird, dass es auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten gibt, aber „Taten stets Spuren hinterlassen“. Literarisch kombiniert Nilsson in ihrem bewusst zeitlos angesiedelten märchenhaften Abenteuerroman eine realistisch anmutende Erzählweise mit phantastisch-mythischen Elementen, wozu bissige Walhühner ebenso gehören wie Meerjungfrauen. Auch Naturmotivik und intertextuelle Anspielungen, z. B. auf den Mythos des „edlen“ Piraten, tragen zur atmosphärischen Ausstrahlung und Mehrdeutigkeit des Textes bei. Als Siri endlich auf Weißhaupt trifft, begegnet sie einem Verblendeten, der in seinem Wahn nicht mehr sieht, dass sich eine einst gute Absicht in ihr Gegenteil verkehrt hat. Doch Siris vielfältige Erfahrungen helfen ihr schließlich, die kleine Schwester nach Hause zu bringen.

(Der Rote Elefant 36, 2018)

Sarah van der Heusen