Cover: Frida Nilsson; Ich, Gorilla und der Affenstern

ICH, das ist die Erzählerin Jonna, ein 9jähriges Waisenkind in einem schwedischen Kinderheim. Das Heim wird „vorbildlich“ geführt von einer lieblosen Heimleiterin. Ab und zu sucht sich dort jemand ein Adoptivkind aus. Leider nie Jonna, denn die hat immer dreckige Finger, dünne Zöpfchen und ist auch sonst kein Vorzeigekind. Bis eines Tages ein klappriger alter Volvo auf dem sauber geharkten Hof auftaucht, eine gewaltige gorillahafte Frau aussteigt und genau Jonna will. Was Jonna auf deren chaotischem Schrottplatz erlebt bzw. lernt (u.a. Auto und Fahrrad fahren, schummeln, lesen), entspricht ganz und gar nicht ihren Horrorphantasien, denn: die Schmuddel-Dame umsorgt das Mädchen mit so viel Affenliebe, dass dieses sich bald kein besseres Zuhause wünschen könnte. Leider wird das Glück der beiden Außenseiter durch die Geschäftsinteressen eines skrupellosen Bürgermeisters jäh gestört. Die Liebe zu Jonna macht Gorilla erpressbar und eine Art Krimi beginnt. Aber die Kraft der Liebe und der Literatur machen es möglich. Wie Mr. Brownslow aus Gorillas Lieblingsbuch „Oliver Twist“ kämpft Gorilla trickreich um ihr „Spätzchen“. Zur Orientierung und beider Glück steht der Affenstern am Nachthimmel …

Spannend und mit Elementen des Dickensschen Klassikers erzählt Frida Nilsson eine gleichnishafte, herzenswarme Geschichte über Normen, Werte, Toleranz und mögliche Liebe. Inkarnation dieser Liebe ist eine vermenschlichte Gorillafrau oder eine gorillahafte Menschenfrau, egal, Jonna geht es damit gut. Auf jeden Fall mutiert mit wachsender Zuneigung „der Gorilla“ zu „Gorilla“.

Ulf Ks comicartige Zeichnungen passen gut zu den slapstickhaften Szenen. Tempo und Witz des Kinderromans übertönen jedoch nicht die Botschaft, dass Familie da ist, wo man sich geliebt fühlt. Damit ermutigt der Text auch Verantwortliche in Behörden zu ungewöhnlichen Lösungen.

Das wunderbare Buch ist ein Lehrstück über Resilenzfaktoren – sprich spontane Lebens- und Selbstheilungskräfte – eines Kindes. Es eignet sich deshalb zur kinderliterarischen Annäherung an das Thema „Aufwachsen und Gedeihen unter erschwerten Bedingungen“.

Im Verbund mit dem Sachbuchpreisträger des DJLP 2011 „Alles Familie“ könnten Familienmodelle besprochen werden.

Christine Dreesen