„Hilde und ich sind Nachbarn. Wir sind keine Freunde! Das geht nicht. Ich bin groß und Hilde ist klein, dann geht das nicht.“ Aber es geht. Eines Tages klingelt die fünfjährige Hilde bei Severin, der unter ihr wohnt, und spaziert anstandslos in dessen Wohnung. Der 29-Jährige wird normalerweise „kribbelig im Kopf“, wenn andere auf ihn einreden. Und Hilde redet auf ihn ein. Schnell und viel. Trotzdem ist Severin spontan beeindruckt und öffnet dem Mädchen nun täglich die Tür. Bald bringt Hilde Puppen mit, denn mit Severin lässt sich fantastisch spielen. Frau Dürfeld von gegenüber beobachtet derweil die Besuche mit Argwohn. Hildes alleinerziehende Mutter Krissy dagegen hat Severin längst ins Herz geschlossen und freut sich über den liebevollen Babysitter. Als Severin Hilde einmal von seinem Aufwachsen in einem echten Schloss erzählt, ist dem Mädchen klar: Sie muss Severin heiraten! Mit ‚Brautschleier‘ lässt sie sich von ‚ihrem Prinzen‘ vom Kindergarten abholen. Da drohen die Dinge außer Kontrolle zu geraten. Zum Glück verteidigt Betreuer Giovanni seinen Schützling Severin auch dann noch beherzt, als eine schmutzige Pressekampagne losgeht …

Christian Duda gelingt eine umwerfend lebenskluge Geschichte darüber, wie kurz der Weg zum (Un-)Glück im Zusammenleben sein kann: Treppe runter und einfach mal klingeln! So macht es Hilde und bringt Schönes und Problematisches in Gang. Wie schon in „Elke“ (RE 34) trifft ein (Vorschul-)Kind in der Nachbarschaft auf eine erwachsene Figur, die eher am gesellschaftlichen Rand zu finden ist. Beide sind auf ihre Art Sonderlinge. Das Kind ist auffallend fantasiebegabt und der junge Mann wird aufgrund seiner Andersartigkeit im Denken und Sprechen sowohl geschätzt als auch bevormundet und denunziert. Insbesondere durch die überzeugend gestaltete Ich-Perspektive Severins erhalten Lesende jeden Alters in 26 Kapiteln Gelegenheit, eigene Vorurteile und Verhalten zu überprüfen. Dass dies äußerst vergnüglich gelingen kann, liegt an den gekonnt komponierten Dialogen, die mitunter vor Humor strotzen. Überdies verstärken die comicartigen Schwarz-Weiß-Vignetten und ganzseitigen Zeichnungen Sylvain Mérots die Erzählperspektive emotional. Wenn sich am Ende auflöst, an wen sich Severin erzählerisch eigentlich wendet, dürfte das eine weitere der vielen überraschenden Wendungen innerhalb der Geschichte sein.

Ausgewählte Dialoge zwischen Hilde und Severin ließen sich zuerst szenisch erproben. Die Abholsituation im Kindergarten könnte Fragen nach dem Fortgang der Geschichte anregen. Mit einem Soziogramm aus den Illustrationen könnte es in Arbeitsgruppen weitergehen.

(Der Rote Elefant 40, 2022)

Sylvia Habermann