Cover: Ylva Karlsson, Prinzen müssen draußen bleiben

„So kann es nicht weitergehen“, sagte Göran … , „dass du dich weigerst, etwas zu essen und den anderen den Appetit verdirbst, bloß weil ich gekocht habe …“ Geht es nach Josefin, hat der Freund von Mutter Anna hier gar nicht zu kochen. Seit der Vater weg ist, genügt ihr die Dreisamkeit. Die 14-Jährige kauft ein, holt Schwester Malin vom Kindergarten ab und bereitet das Abendessen vor. Und immer wieder erzählt sie Malin von Königin Anna und den zwei Prinzessinnen, in deren Schloss kein Prinz eindringen kann. Aber Mamas „Prinz“ Göran ist eingedrungen und bleibt. Da hilft auch kein neues Märchen. Bei Baisers mit Schokoladensoße eröffnet Anna ihren „Hübschen“, dass Göran und sie heiraten werden, sie sei schwanger. Die Situation eskaliert. Später hält Josefin die weinende Malin im Arm und denkt: „Jetzt sind wir ganz allein, du und ich.“ Aber das ist nicht das Ende. Am Ende fragt Josefin Malin „Willst du ein Märchen hören?“ Was darin passiert, erfährt der Leser nicht mehr.

Kammerspielartig fügt die Schwedin Ylva Karlsson Momentaufnahmen aus einer Familie im Umbruch aneinander. Vorgänge rund um den Abendbrottisch lassen Gemeinsamkeit, Allianzen oder Verweigerung erkennen. Jeder will geliebt werden, erwartet (zu) viel vom anderen, fühlt sich allein am Anfang einer nur gemeinsam zu leistenden Veränderung. Für „Anfang“ spricht auch die Kürze der erzählten Zeit, Dezember bis Januar, wobei gerade diese für „Familie“ als emotional stark besetzt gilt. Da die Autorin nicht vorgibt, die Innenwelt ihrer Protagonistin genau zu kennen, sagt die Erzählinstanz nur selten, was Josefin denkt oder fühlt. Szenen aus Familie, Schule und mit Freunden sprechen für sich, wobei die knappen Dialoge mehr verschweigen als erhellen. Das macht die Identifikation mit Josefin nicht leicht und auch  Leser(innen)erwartungen „bleiben draußen“. Keine erträumte erste Liebe, keine Vatersehnsucht, eher Angst vor Veränderung, Positionierungsversuche, Wutausbrüche. Für Josefin nehmen die ständige Unterstützung der Mutter und der überaus liebevolle Umgang mit der kleinen Schwester ein. In der wunderbaren Streitszene, worin Malin „Josefine“ auf „Fickmaschine“ reimt und damit Josefin „stinksauer“ macht, werden sich viele Leser mit kleineren Geschwistern vergnüglich wiederkennen. Insgesamt besticht Karlssons Buch durch Weglassen und Beiläufigkeit, eine Wohltat gegenüber der Menge emotionsüberfrachteter Jugendbücher zum Thema Familie und Selbstfindung. Dass am Ende nur wenig anders ist als am Anfang, macht die Wahrhaftigkeit dieses insgesamt leicht lesbaren, psychologisch glaubwürdigen und produktiv provozierenden Buches aus, dem viele Leser(innen) zu wünschen sind.

Claudia Rouvel