Cover: Wen Dee Tan, Lili


„Es lebte einmal in einem kleinen Dorf ein ganz normales Mädchen mit Namen Lili. Naja, eigentlich war sie nur fast ganz normal.“ Lili hat rotes Haar, Feuerhaar. Und das im wahrsten Sinne: Lilis Haare sind Flammen. Was damit in Berührung kommt, kann in Brand geraten. In der Familie ist das kein Problem, man spart das Feuerholz zum Kochen und Heizen. Doch in der Nachbarschaft wächst Unmut: wegen aus Versehen in Brand geratender Wäsche, Hüte, Schafe. Auch beim Spielen (zer)stört das Feuerhaar. Als Lili bemerkt, dass ihr Haar Schaden verursacht, werfen die Dorfkinder bereits Steine nach ihr. Fortan vertreibt sich Lili allein die Zeit, denkt nach. Sie lernt, die Kraft ihres Feuerhaars bewusst einzusetzen, z. B. als Dorfkinder von Wölfen bedroht werden …

Mit kurzen Sätzen und dynamischen Zeichnungen erzählt Wen Dee Tan vom Anderssein und damit verbundenen Herausforderungen – sowohl für Lili als auch ihre Mitmenschen. Damit korrespondiert die Wahl des Elements Feuer, kann es doch gleichzeitig Heil oder Zerstörung bringen. Ästhetisch adäquat nutzt die Künstlerin auf weißem Grund einzig Kohle und Ölpastelle in Orange-Rot, die Lilis Haar leuchtend lodern lassen. Die Aussagen der knappen Texte – mit Kohle geschrieben – werden von minimalistischen Bildern ergänzt, wobei nur aus diesen zu erfahren ist, warum es Lili z. B. schwerfiel, Freunde zu finden. Die Gestaltung der querformatigen Doppelseiten – vom Anschnitt der Protagonistin über das zoomartige Abrücken von ihr bis hin zu panelartig angeordneten Situationen – nimmt sowohl Lillis Problematik als auch die der anderen in den Blick. Da aufgrund dieses Perspektivwechsels eine eindeutige Identifikation erschwert wird, kann anhand der Illustrationen Lilis Entwicklung entschlüsselt werden: vom Spaziergang mit nicht beabsichtigten Folgen (Naivität) über das Wahrnehmen des In-Brand-Setzens (Bewusstwerdung), das Ausgeschlossenwerden (Krise) bis hin zum gezielten Einsatz der Flammen (Selbsterfahrung/-erkenntnis). Zu guter Letzt sitzt Lili im Kreis der anderen Kinder, die über ihrem Haar Marshmallows rösten. Im Text heißt es lapidar, Lili hätte nun wahre Freunde gefunden. Doch haben nicht umgekehrt die Kinder in Lili eine Freundin gefunden? Was wäre geschehen, hätte Lili die Kinder nicht gerettet? Wäre sie allein geblieben? Über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Anderssein, über Inklusion und Integration, kann (nicht nur) mit Erwachsenen diskutiert werden. Denn die Herausforderung, achtsam oder achtlos der Umwelt und/oder sich selbst gegenüber zu sein, stellt sich jeden Tag neu.

Kathrin Buchmann