Cover: Ulrich Hub, Ein Känguru wie du

„Euer Trainer ist schwul“, behaupten die Seehunde, die ebenso wie Tiger Pascha und Panther Lucky zum großen Zirkuswettbewerb angereist sind. Der Trainer trage bunte Klamotten, sprühe sich mit Maiglöckchenparfüm ein und höre Mozart. Ich-Erzähler Pascha weiß nicht, was „schwul“ bedeutet. Lucky meint: „So nennt man Männchen, die lieber Männchen mögen.“ Bei so einem wollen Pascha und Lucky nicht bleiben. Sie fliehen in die Stadt, wo sie Django, einem netten, boxenden Känguru begegnen, das sie bewirtet, keinen Trainer braucht und trotzdem immer gewinnt. Die drei werden beste Freunde – bis sich herausstellt: Auch Django ist schwul. Pascha und Lucky muss etwas einfallen, damit alle trotzdem glücklich werden können. Zwar läuft die Begegnung zwischen Trainer und Känguru anders ab als geplant und auch beim Zirkuswettbewerb geschieht Unerwartetes, aber ihre Idee hat Erfolg …

Mit „Ein Känguru wie du“ legt der Autor die dritte Kinderbuchadaption eines seiner Theaterstücke vor. Den Impuls für das Stück lieferten zwei Schauspieler, die verweigerten, einander auf der Bühne zu küssen, weil Kinder im Zuschauerraum säßen. Bewahrpädagogik und Vorurteilen gegenüber Schwulen erteilt Hub mit Stück und Buch eine deutliche Absage. Bereits der Titel signalisiert Gleichberechtigung aller Arten von Lebewesen. Dem anfänglichen „Schwarz-Weiß“-Denken entsprechen die Fellfarben der Raubkatzen. Lucky ist schwarz, Ich-Erzähler Pascha weiß, wobei Pascha stolz auf sein Anderssein ist, denn weiße Tiger sind selten! Gleichnishaft verändert Hub mit differenzierterem Denken die Fellfarbe, etwa wenn sich Panther Lucky vor Verlegenheit grau färbt, als er vor dem Känguru herumdruckst: „Es ist doch egal, ob ein Männchen lieber Männchen mag oder Weibchen, schließlich geht es um Liebe, und Liebe ist immer schön (…).“ Auch wenn manche Dialoge etwas moralisierend wirken, insgesamt überwiegt der Humor. Hub zitiert viele Klischees rund um Homosexualität, um sie gleichzeitig in Frage zu stellen. Wer denkt bei „Schwuchtel“ schon an einen Boxer? Die aus Unwissen resultierenden Ängste der beiden Tier-Protagonisten nimmt Hub jedoch ernst, so dass kindliche Leser viel Aufgeschnapptes wiedererkennen und ggf. relativieren können. Dabei helfen auch die witzigen Farbkarikaturen, welche die Raubkatzen eher als Kätzchen zeigen und den dominanten Trainer verkleinern. Durch wechselnde Perspektiven in Text und Bild erfahren Raubkatzen und Leser/Betrachter, dass nichts so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint und damit etwas über sich selbst. Übrigens: Mozart war nicht schwul.

Michael Böhnisch