Cover: Tor Fretheim, Die Stille nach Nina Simone

Der 18-jährige Simon sitzt im Zug nach Nordnorwegen, um erstmals den Vater im Gefängnis zu besuchen. Während der Fahrt will er auf seinem Laptop einen Brief an die US-amerikanische Jazzsängerin Nina Simone schreiben. Dazu muss er Familiensituationen und Ereignisse der letzten Jahre rekapitulieren. Die Sängerin spielte darin eine zentrale Rolle: Die Eltern lernten sich auf einem ihrer Konzerte kennen, später wurde Simon nach ihr benannt. Vor allem aber erinnert sich Simon an ihre raue Stimme, die immer öfter lautstark aus dem Schlafzimmer der Eltern dröhnte. Er wusste, was hinter der Tür geschah. Dann hielt er sich die Ohren zu, wollte, dass es aufhörte, hasste Nina Simone. Aber es gab auch schöne Begebenheiten: Das Kuscheln mit Mama, ihr wunderschöner Gesang, die Fahrten mit Papa in die Natur. Und nicht zuletzt sind da Simons Angst und Verzweiflung nach dem Verschwinden der Mutter, wobei der Vater Simons drängende Fragen unbeantwortet ließ. Das alles will Simon der Sängerin anvertrauen. Auch, dass der Vater verurteilt wurde, weil er seine Frau misshandelt und umgebracht hat, und dass Simon jetzt in einer Wohngemeinschaft lebt. „Das erzähle ich nur Dir, Nina Simone.“ Auch wenn Simon am Zielort nicht über „Liebe Nina Simone“ hinausgekommen ist, im Kopf hat er einiges geklärt, für Simon ein wichtiger Anfang.

Wie schon in „Tanz in die Hölle“ (dt. 1994) konfrontiert der heute fast 70-jährige norwegische Autor jugendliche Leser mit dem Tabuthema häusliche Gewalt, wobei die Rückblicke des Ich-Erzählers hinter der Fassade eines „normalen“ Familienlebens Trost- und Sprachlosigkeit offenbaren. Dem entspricht Simons verknappte, unbeholfene Sprache. Seine fast lakonisch formulierten Sätze erscheinen als Mittel der Distanzierung und des Schutzes. Dass Simon ausgerechnet seiner „Feindin“ Nina Simone das eigentlich Unsagbare erzählen will, vermittelt, dass er in ihr die Schlüsselfigur erkennt, die in der Familie Glück und Schrecken verkörperte. Das differenziert gestaltete, ohne Gut-Böse-Schema bzw. vordergründige Schuldzuweisungen auskommende Familienbild wird durch den Lieblingssong des Vaters „I put a spell on you“ untersetzt, da dessen Bedeutungsspektrum von „Verzaubern“ bis „Macht ausüben“ reicht. Fretheims Erschütterung und Fassungslosigkeit, aber auch Empathie auslösender Text erzeugt beim Lesen eine immense Spannung. Betroffene könnten sich verstanden fühlen, Nichtbetroffene etwas verstehen lernen, was über ihre bisherige Lebenserfahrung hinausgeht. Vor einer Bucheinführung böte sich das Anhören von „I put a spell on you“ an. Welche Stimmung wird darin vermittelt und was könnte der Buchtitel meinen?

Petra Fink