Willkommen in einer kleinen englischen Küstenstadt, in der es von merkwürdigen Gestalten und Geschichten nur so wimmelt. Willkommen in Oddleigh!

Auf dem örtlichen Polizeirevier bleibt kein Morgen wirklich ruhig, auch wenn Sergeant Sid noch so gern Kreuzworträtsel lösen würde. Ob ein Fluch im  Herrenhaus Lorringham, das Verschwinden des Anführers der Kokonisten, der Fund eines Flugsauriers, ein Besuch beim Zahnarzt oder die Erpressung des Sängers Flynn Carrington – Chief Inspector Jessie und Sid sind allen Schwierigkeiten auf originelle und sympathische Weise gewachsen.

Tor Freeman ist es gelungen, dem in vielen Medien beliebten Format „kurioses Ermittlerduo löst geheimnisvolle Kriminalfälle“ neue und sehr unterhaltsame Aspekte hinzuzufügen. Der Name des Schauplatzes (Odd = skurril, seltsam, eigenartig) ist dabei Programm. Sid – ein Kater – und Jessie – ja, was eigentlich? – bekommen es mit einem knuddelsüchtigen Kaktus, einem wimmernden Wiesel oder einem Karies beseitigenden Krokodil zu tun. Die eigentlichen Kriminalfälle sind fast Nebensache, denn im Mittelpunkt stehen die schrägen Figuren und ihre teils dramatischen Hintergrundgeschichten: sei es die tragische Liebesgeschichte der Herrin von Lorringham, das verloren gegangene Flugsaurierfräulein Krah oder eine sich nicht anerkannt fühlende Kröte … Und ganz nebenbei und ohne aufgesetzt zu wirken ist Freemans Figurenensemble ein Plädoyer für die zur Zeit viel gepredigte Diversität: Da bändelt schon mal eine Hundedame mit einem Bärenbutler an oder Fuchs, Dachs und Kröte sind kurzerhand Geschwister. Chief Inspector Jessies Geschlecht wird nur auf einem einzigen Bild thematisiert (aber eigentlich auch nicht – und leider viel zu früh), denn zum Glück lässt die englische Berufsbezeichnung „Inspector“ alles offen!

Die Comic-Geschichten bestechen durch ihren einfachen und doch sehr nuancierten Zeichenstil – die Mimik der Figuren ist umwerfend – und durch witzige Dialoge, die mit teilweise sehr trockenem Humor Leser*innen „jeder Art“ begeistern werden (Kokonist: „Ist es denn verboten, sich merkwürdig zu verhalten, Chief?“ Jessie: „Leider nicht.“).

Im Anhang finden sich verschiedene Möglichkeiten, mit dem Buch zu arbeiten. So können z. B. die Geschichten mit Hilfe eines Kreuzworträtsels rekapituliert werden. Überdies könnten Abbildungen von Beweisen anfangs zu Überlegungen animieren, um was es in den jeweiligen Fällen gehen könnte. Und nach der Lektüre sind Kinder sicher hochmotiviert, eigene skurrile Charaktere und Kriminalfälle zu erfinden.

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Frank Kurt Schulz