Ein Titel, der „Wunderbares“ verspricht, aber nur bei „Abwesenheit“, macht neugierig. Dazu kommt der Widerspruch zwischen abstrakten Formen und blassen Farben der Coverillustration und eher naturgetreu gestalteter Pflanzenwelt auf dem Vorsatz. Was ist das für ein Buch?

Auf den folgenden Doppelseiten werden Natur-Momentaufnahmen bzw. Szenen aus dem Leben von Tieren präsentiert: Ein rotbraunes Rehkitz und seine Ricke liegen im Grün bei den Blaubeeren, einer Eidechse scheint eine goldgelbe Sonne auf den Bauch und eine brandrote Füchsin kuschelt mit ihren Jungen in einer Höhle. Am Ende ergeht die Einladung, selbst auf Entdeckungstour zu gehen, um weitere Pflanzen und (vielleicht) Tiere zu finden, in ihrer Vielfalt angedeutet auf der letzten Doppelseite. Also ein Sachbuch? Dagegen sprechen die märchenhaft-poetisch überhöhten Bilder, prachtvoll gestaltete, farbig leuchtende Doppelseiten, eine Mischung aus Aquarell- und Pastell-Illustrationen, Kratztechnik und Strichzeichnung. „Wunderbar“ und (fast zu) schön ist diese Welt! Jede Szene strahlt Wärme und Geborgenheit aus, aufgrund der feinen Striche auch Fragilität. Laut Titel bzw. Begleittext ereignet sich das „Wunderbare“ jedoch nur „während du nicht hier bist“. Ist das nur eine Feststellung oder versteckt sich darin eine Provokation? Nur „während“ oder weil „du nicht hier bist?“ Bestünde für die Natur Gefahr, wärest du hier? Wählte der englische Verlag für seine Ausgabe nur die zweite Hälfte des deutschen Titels: „While you‘re away“, um die Bedrohung der Natur durch den Menschen deutlich anzumerken? Damit wäre eine philosophische Fragestellung zum Verhältnis Mensch-Natur intendiert. Weitergehend wäre die Frage, ob so „Wunderbares“ wie im Buch außerhalb menschlicher Wahrnehmung überhaupt existiert?

Mit älteren Kindern ergäben sich daraus spannende Diskussionen. Aber auch wenn das Buch überhöht-schöne Natur zeigt, weiß heute jedes Kindergartenkind, dass diese bedroht ist. Aber es kann sich in ihr anders wundern als Erwachsene, ist harmoniebedürftig und für eine Welt voller Wunder besonders empfänglich. Auf diese kindliche Empfänglichkeit und emotionale Nähe zu Natur und Tieren setzt das Künstlerduo. Nicht zufällig sind mehrere Tiermütter und -kinder ins Bild gesetzt, ausgestattet mit menschlichen Zügen, was wiederum Nähe von Mensch und Tier signalisiert. Und es fordert dazu auf, Umwelt und Natur genau zu beobachten, was letztlich auch „Schützen“ heißt. Vielleicht hinterlassen „Wunder“, die passiert sind, „während“ niemand „hier“ war, Spuren? Wovon könnten Fundstücke wie Federn, Zapfen, Eierschalen, Vogelnester, Schneckenhäuser oder besondere Blätter, Beeren, Spinnennetze usw. erzählen? Alles lässt sich zu Geschichten verspinnen oder zeichnen, z. B. angelehnt an die Ästhetik der Vorlage: abstrahiert, realistisch, farbig leuchtend, als Strichzeichnung oder Aquarell …

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Marion Rodenwald