Es ist halb acht Uhr morgens. Neun Zwei- und ein Vierbeiner fahren mit dem Bus der Linie 912. Jedoch erlebt jede bzw. jeder die Fahrt anders, verbunden mit der eigenen Geschichte: „Leon hat Geburtstag. Und es läuft alles schief! Blödes Geschenk, keine Feier und dazu der Unfall mit dem Kuchen“. Doch dann greift jemand dem Schicksal ins Lenkrad und alles kommt ganz anders. „Dies ist die Geschichte von Leon.“ Und da ist Nuno, mit dem Leon einmal eine große Freundschaft verband. Auch Ansgar sitzt im Bus. Er ist nachtschichtmüde und findet insgesamt sein Leben alles andere als erquickend. Und die kleine Ruby ist schon sauer, weil sie immer nur Milch bekommt. Ein Missgeschick eines weiteren Fahrgastes beschert Ruby allerdings eine süße Beute. Auch der gerade gekürte Weltmeister unter den Busfahrern und sogar der treue Hund Götz Graf von Schott zu Schottenstein erleben ihre eigene Fahrt …

In zehn Kapiteln wird eine halbstündige Busfahrt aus zehn verschiedenen Blickwinkeln geschildert, wobei sich die Leser*innen in einigen Gedanken und Erlebnissen der Protagonisten durchaus wiederfinden können. Thilo Reffert versucht, wie schon in seinem Buch „Fünf Gramm Glück“, einen alternativen Pfad in der Kinderliteratur zu beschreiten. „Linie 912“ erinnert erwachsene (Vor)Leser*innen vielleicht an Episodenfilme (z. B. Altmans „Short cuts“), worin ebenfalls eine Geschichte mehrperspektivisch erzählt wird. Reffert wählt die Er- bzw. Sie-Perspektive, wobei jede Geschichte mit einem Kurzstatement (s. Leon) eingeleitet wird, das auf das Folgende neugierig macht. Dabei gelingt es dem Autor sogar die Perspektive eines Babys sowie die eines Hundes überzeugend einzunehmen. Die Zahlen 9, 1 und 2 scheinen für Reffert von besonderer Bedeutung zu sein, treten sie doch immer wieder zu Tage, z. B. als Hausnummern oder als Sterbedatum. Die markanten, in Schwarz-Weiß-Grau abgestuften Illustrationen von Maja Bohn fangen ernste und humorvolle Situationen samt Figurenbeziehungen stimmungsvoll ein. Die von ihr gestaltete Fahrtroute in den Innendeckeln zu Beginn und am Ende des Buches bereitet auf die Figuren vor und ersetzt gleichsam ein Inhaltsverzeichnis.

Zum Einstieg könnte man Kindern die Innendeckelillustration präsentieren und die Kurzstatements verteilen. Welches Statement gehört zu welcher Figur und  welche Geschichte klingt so spannend, dass sie zuerst (vor)gelesen werden soll? Auch ein Gespräch oder ein Text über eigene Erlebnisse in öffentlichen Verkehrsmitteln böte sich an.

Peter Semper