Cover: Stefanie Höfler, Tanz der Tiefseequalle

Der 14-jährige Niko hat sich ein dickes Fettpolster zugelegt, was ihn zum Mobbing-Opfer seiner Mitschüler macht. Imaginierte „Entkörperungsmaschinen“, „Wahrheitsabsauger“ oder Parallelwelten sollen ihn vor jeder Art Demütigungen schützen. Warum Niko bei Oma lebt und deshalb manchmal so geschwollen redet, erfahren die Leser erst am Ende des Buches. Da müssen die „Gedankenlöschblätter“ aber schon nicht mehr so viel aufsaugen und Niko ist selbst verwundert, was mit ihm in den letzten 36 Stunden geschah. Auf der Klassenfahrt – Härtetest für den unsportlichen Dicken, der Schwimmbäder lieber meidet – wird Niko Zeuge, wie Sera von Marco, seinem Hauptquäler, begrapscht wird – und greift ein. Der kurze Moment markiert einen Wendepunkt und verändert die sozialen Rollen von Sera und Niko schlagartig. War die „schöne ägyptische Prinzessin“ vorher am liebsten mittendrin und wollte von allen gemocht werden, steht sie nach Nikos Eingreifen allein am Rand der Tanzfläche, hat nichts mehr zu verlieren und – fordert Niko auf. Der Tanz der „kichernden Nixe“ mit der „Tiefseequalle“ ist Auftakt für einen „Notfallabhauplan“. Nach gemeinsam verbrachter Nacht im Wald ist nichts mehr, wie es war. Wieder zu Hause wagen Niko und Sera tatsächlich und symbolisch einen Sprung ins kalte Wasser: Sie stellen sich ihren Familien und Freunden, aber vor allem den Gemeinheiten der Klassengemeinschaft.

Identitätsfindung, Annäherung der Geschlechter, Ausgrenzung, Anderssein und Trennung der Eltern sind Konstanten von Jugendliteratur. Aber wie einfühlsam-humorvoll Stefanie Höfler (Mein Sommer mit Mucks, DJLP 2016) diese Themen verzahnt und perspektivisch-sprachlich fasst, überzeugt nachhaltig. Auffällig sind Wortschöpfungen, die etwas benennen, aber auch irritieren, mit Vorurteilen und Gegensätzen spielen, Bilder im Kopf entstehen lassen. In Selbstgesprächen geben Niko und Sera wechselseitig preis, was sie berührt und wie sie den jeweils Anderen erleben, wobei manche Erlebnisse doppelt reflektiert werden. Diese inneren Monologe offenbaren den Kontrast zwischen Selbst- und Fremdbild. Die differenzierte, bilderreiche Ausdrucksweise Nikos und die knappe, reduzierte Sprache Seras, die zunehmend ausdrucksvoller wird, sind gelungene Stilmittel, um Gegensätzlichkeit und Entwicklung beider Charaktere lebendig werden zu lassen. Ganz vorsichtig nähern sie sich dabei der Frage „Wer bin ich eigentlich?“ und geben diese an ihre Leser weiter.

Für einen Bucheinstieg könnten Nikos „Selbstschutzerfindungen“ genutzt werden. Wozu braucht jemand „Entkörperungsmaschinen“, „Wahrheitsabsauger“ oder „Gedankenlöschblätter“?

Christine Dreesen