Es ist Winter. Zwei Kinder stehen am Fenster und beobachten gebannt das Schneetreiben im Garten. Außer Flockenwirbel passiert zuerst nichts. Niemand zu sehen. Pass auf! Da ist doch etwas! Plötzlich sitzt ein Vogel unter dem Baum. Und dann kommen nach und nach drei Hasen, eine Katze und ein Bär dazu. Droht Gefahr? Was passiert? Am Ende laufen die Kinder in den Garten und schauen erschrocken von draußen nach drinnen …

Die italienische Bilderbuchkünstlerin Silvia Borando erzählt in betont reduzierten, plakativen Bildern, in denen (fast) nur die drei Grundfarben vorkommen, eine Geschichte ohne Worte. Deren vergnüglichen Spannungsbogen baut sie gekonnt mittels ständiger Perspektivwechsel auf. Von Doppelseite zu Doppelseite lenkt die Künstlerin den Blick der Betrachter*innen mal nach draußen in den verschneiten Garten und mal auf die am Fenster stehenden Kinder. Somit folgen die Betrachter*innen einesteils dem Blick der Buch-Kinder, haben aber vorher auch deren Mimik und Gestik im Blick, welche erahnen lassen, was die beiden im  Garten sehen könnten. Stilistisch erinnern deren Gesichter an Ergebnisse des beliebten Zeichenspiels „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht!“, wobei winzig kleine Veränderungen, wie z. B. hochgezogene Augenbrauen, die Spannung zunehmend steigern. Wird die Katze den Vogel fressen? Was macht der Bär? Die nächste Seite gibt Antwort und hält dabei durchaus überraschende Wendungen bereit … Zur Plakatwirkung trägt u. a. bei, dass Borando pro Perspektive die Hintergründe der Seiten stets gleich vollflächig einfärbt: Gelb für drinnen und Dunkelblau für draußen. Vor diesen monochromen Flächen heben sich das Weiß im Garten als auch das des Fensterkreuzes deutlich ab, wobei Borando noch weitere Farbbeziehungen herstellt. So trägt ein Kind einen roten Pullover, das andere eine rote Mütze, aber auch der graue Vogel hat einen roten Fleck, sodass er trotz reduzierter Gestaltung ein „Rot“kehlchen sein könnte.

Borandos klares Gestaltungskonzept entspricht den ästhetischen Verständnismöglichkeiten der Zielgruppe und erweitert diese. Schon vor dem Umblättern könnten Dreijährige animiert werden, in den Gesichtern der Kinder am Fenster zu „lesen“ und daraus eigene Vorstellungen über das Geschehen auf der nächsten Seite zu entwickeln. Die Perspektivwechselkonzeption böte weitere Erzählanlässe. So ließe sich das Ganze nicht nur aus der Perspektive des Jungen, des Mädchens oder der Tiere, sondern sogar aus der des Hauses oder des Gartens erzählen, was zu immer neuen Geschichten und Entdeckungen führen könnte.

(Der Rote Elefant 38, 2020)

Jeanette Arndt, Antje Buckow