Die Reise, die Shaun Tan in seiner aufwendig illustrierten Kurzgeschichten-Anthologie unternimmt, führt nicht nur „ins Innere der Stadt“, sondern auch in das ihrer Bewohner – Menschen und Tiere. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen beiden Daseinsformen: Vorstandsmitglieder verwandeln sich in Frösche und eine verbitterte Angestellte kümmert sich um sie. Eine Familie hält in einem dunklen Zimmer ein Schwein, das „scheibchenweise“ verschwindet. In einem Krankenhaus wacht eine Eule über einen Patienten, der Angst vor ihr hat, aber ahnt, dass sie seine letzte Hoffnung ist. Und: Nicht Menschen kümmern sich um Katzen, sondern eine Katze sorgt für das Wohlbefinden vieler Menschen.

Tans Dystopien schildern düster-skurrile Alltagsbegebenheiten mit Bezügen zu weltweit relevanten Themen: Klimawandel, Urbanisierung, Massentierhaltung oder irreparable Ausbeutung der Natur. Der Themenbreite entsprechen die Textformen, wobei Anleihen aus Mythen, Fantasy, Horror und Science Fiction zu entdecken sind. Der gelungene Genre-Mix spricht Leser*innen unterschiedlichen Alters ebenso an wie der Einsatz unterschiedlicher Erzählperspektiven. Mal erzählen Kinder, mal Erwachsene und mal übergibt Tan einem überschauenden Erzähler das Wort. Hervorgehoben sei die Geschichte der Lungenfische, die kongenial Diskussionen über die Zukunft unseres Planeten aufgreift, zuspitzt und analysiert.

So wie im Genre-Mix innerhalb der Texte, integriert Tan in seinen eindrucksvollen Ölgemälden Motive und Stile verschiedener bildkünstlerischer Strömungen, insbesondere des Surrealismus und des Impressionismus. Neben extrem angsteinflößende Bilder, wie das eines gigantischen Haimauls in einem Hafen oder das des einsamen Schweins ohne Hinterteil, stellt Tan leuchtend-helle, paradiesisch anmutende Illustrationen, wie das der sich liebenden Schnecken oder des riesenhaften Papageis. Obwohl jedes Einzelgemälde auch ohne Text überzeugt, erweitern die Illustrationen die Textbotschaften und verstärken deren suggestive Wirkung. Überdies wechseln auch hier die Perspektiven. Insbesondere betrifft dies zwei Bildserien. In der ersten „überschaut“ Tan im Rahmen von 13 Bildern die Geschichte der Beziehung Mensch-Hund, wobei jede dargestellte Situation in einer anderen Farbe gestaltet ist, sodass die Stimmung von Bild zu Bild wechselt. In der zweiten nimmt Tan den Blick des o. g. Patienten ein, dem die weiße Eule am Bettrand immer näher kommt – bis ihre gelben, stechenden Augen fast vollständig eine Doppelseite füllen.

Welche Assoziationen und Gefühle die Bilder auslösen, könnte man wunderbar in Schreibworkshops auskundschaften. Ebenso wären Illustrationsworkshops denkbar, wobei sich für jedes Alter ab 10 sicher eine passende „Reisegeschichte“ findet.

Frank Kurt Schulz