Wahrscheinlich sind die Menschen so dem Alltagsstress verhaftet, um noch durch merkwürdige Fundsachen beunruhigt zu werden, wie es der Hauptfigur dieses Buches geschieht. Ein Kronkorkensammler (der Künstler selbst?) entdeckt ein Ding am Strand, das irgendwie fehl am Platze scheint. Kurzerhand nimmt er es mit und sucht nach Hinweisen für dessen Herkunft, doch: „Manche Sachen sind halt einfach allein.“ Allein fühlt sich auch der Sammler: die Eltern sind „zu sehr mit aktuellem Kram beschäftigt“ und die seltsam technisierte Großstadt wirkt erdrückend und kalt. Als er eine Anzeige des Bundesamtes für Krimskrams entdeckt, welches damit wirbt, für alles eine Schublade zu finden, was „die Ordnung des alltäglichen Lebens stört“, scheint das Problem gelöst, aber: Der Sammler und Finder entscheidet anders … Nach Zuklappen des Buches bleibt die Frage zurück, ob der Kronkorkensammler den Blick für das Besondere verlieren bzw. der Leser diesen Blick überhaupt haben könne. Shaun Tans Vision einer Welt, in welcher der Mensch wie ein Rädchen in einem riesigen Getriebe aus Stahl, Rohren, Wegweisern, Zahnrädern und Schläuchen funktioniert oder umherirrt, wirkt einerseits fremd und unheimlich, andererseits erschreckend vertraut. Dies betrifft die gesamte Collage-Gestaltung des Buches, worin es unendlich viel zu entdecken gibt.

So eröffnet und beschließt das Buch eine Kronkorkensammlung auf Vor- und Nachsatz, es finden sich handgeschriebene Zettel, Zeitungsanzeigen und Stempel fiktiver Ämter. Der Hintergrund fast jeder Seite besteht aus Lehrbuch-Schnipseln und zeigt Skizzen bzw. Anleitungen für die allgegenwärtigen Maschinen. Ein besonderer Höhepunkt ist der Blick in die Welt der verlorenen Dinge (Originaltitel: „The Lost Thing“, „lost“ im Sinne von verloren und einsam). Um diese Welt – erinnernd an Bilder Paul Klees, Joan Mirós und die apokalyptische Bildsprache eines Hieronymus Bosch – betrachten zu können, muss das Buch hochkant gedreht werden. Die entstandene Irritation eines veränderten Leseflusses entspricht der Wirkung, welche die dargestellten Dinge im Alltag haben könnten, hätten Menschen Augen dafür. „Die Fundsache“ ist ein philosophisches Buch über Einsamkeit und Unangepasstheit, die Suche nach Gleichgesinnten und die Angst davor, welche zu finden. Ein Buch über technisierte Gesellschaften, in denen die Fantasie „vergessen, zurückgelassen, glatt-gebügelt“ zu werden droht. Das unbedingt empfehlenswerte Buch eignet sich hervor-ragend für ein- oder weiterführende kreative Beschäftigungen: z. B. verrät der Text nichts über das Aussehen der Fundsache. So könnte man mit älteren Schülern erst die Geschichte lesen und sie dann „das Ding“ gestalten lassen. Dazu sollte unbedingt Shaun Tans Collagetechnik aufgegriffen werden. Eine inspirierende Erweiterung wäre die Beschäftigung mit o.g. Künstlern.

(Der Rote Elefant 28, 2010)

Frank Kurt Schulz