Es gab und gibt immer Menschen, die „anders“ sind, als jene, die sich als „Mehrheit“ bezeichnen. Diese Prämisse nehmen Perez und Lacombe zum Anlass, ein Figurentableau zu erschaffen, das jeden realen Ausgrenzungsgrund ad absurdum führt. Erzählt wird die Geschichte der Familie Appenzell, deren „Stammvater“ Charles aus einer wohlhabenden Schweizer Bankiersfamilie stammt. Aufgrund anfänglicher Blindheit und eines mit Narben verunstalteten Gesichts verlässt er das Haus kaum. Als ein Zirkus in die Stadt kommt, flieht Charles, denn auch er will die Vorstellung – inzwischen sehend – erleben. Hier begegnet er der schönen, schwanenhaften Bérénice. Sie brennen durch, heiraten und gründen eine Familie … Die Urenkelin der beiden erbt von Großmutter Eugénie – Charles‘ und Bérénices Tochter – Fotografien und Briefe und erfährt so von ihren Verwandten und deren Schicksal.

Die reale Ausgrenzung und Vernichtung des Andersartigen in grotesk-fantastischer Überzeichnung, die doch den Bogen in die Realität spannt – der Spagat, den Perez und Lacombe hier wagen, ist groß. Doch er gelingt meisterhaft! Autor und Illustrator spielen mit der Faszination des Makabren – nicht zufällig in Bezug zum Zirkus, erfreuten sich doch „Freakshows“ bis in die 1930er Jahre großer Beliebtheit. Doch der Blick auf die Figuren geht weit darüber hinaus und ist ein zutiefst menschlicher. Die Geschichten der Figuren werden – immer kombiniert mit einem Porträtbild – bruchstückhaft, aber dramatisch und berührend erzählt, sei es die Verzweiflung der einäugigen Maguy, weil all ihre Puppen zweiäugig sind, die Sehnsucht der insektoiden Marie mit amputierten Fühlern, die „ein anderes Leben“ führen will, oder der vom Ballett träumende großfüßige Sébastien, der schließlich ein gefragter Mitarbeiter auf Weingütern wird. Lacombes durchaus düstere Bilder zitieren Fotografien und Werbeplakate des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und das edel gestaltete Buch in geprägtem Ledereinband wartet auf Text- und Bildebene mit vielen Bezügen auf, seien es Mensch-Tier-Hybride in Mythen, Märchen und Superheldencomics, die legendäre Addams Family oder Tim Burtons „Edward mit den Scherenhänden“.

Über die Darstellung der wahren „Monster“ am Buchende ließe sich streiten, versetzt sie doch die fantastisch anmutende Geschichte der Appenzells etwas zu plakativ in die Realität. Doch stellen Perez und Lacombe damit eindeutig klar, dass es Nationalsozialisten bzw. Faschisten waren, die „anders“ glaubende, „anders“ liebende und „anders“ aussehende Menschen systematisch ermordeten.

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Frank Kurt Schulz