Cover: Sarah Wylie, Alle meine Leben

Angenommen, die Zwillingsschwester hat Leukämie und laut Familien-Mär der Baileys habe man selber neun Leben. Dann muss man sterben, damit eins der ‚verschenkten‘ Leben vielleicht an die Schwester übergeht! So jedenfalls denkt die 16-jährige Ich-Erzählerin Dani in diesem überzeugenden Debüt aus Kanada. Ob Tod durch Ertrinken oder Tabletten – nach jedem von Danis ‚Unfällen‘ geht es Zwilling Jena scheinbar kurzfristig besser („Wie viele gute Tage bin ich wert?“). Dass Jena etwas ahnt, ist deshalb ebenso unwichtig wie die Ängste der liebenden Eltern.

Innerhalb der erzählten Zeit („Winter“) wechseln im Text innere Monologe und Rückblicke. Die fünf Hauptkapitel sind rückläufig beziffert, analog zum Countdown der ‚verbleibenden‘ Leben Danis. Bereits der Prolog über das Gefühl beim Sterben (in der Du-Perspektive) spiegelt dem Leser Jenas Krankheit und Danis innerliche Starre. Warum ist Dani gesund und keine geeignete Knochenmarkspenderin? Wütend und hilflos grenzt sich Dani von allen ab und wirkt oft außerhalb des Geschehens. Eltern und Umwelt analysiert sie treffend, ihre und Jenas Gefühle klammert sie jedoch aus („Ich will nicht über Jena reden … nicht mit ihr, mit niemandem. Nicht mal mit mir selbst.“). Die Wende kommt als Deus ex machina mit dem Schnee: Die Familie erfährt bei einer Schneeballschlacht fröhliche Normalität und behandelt Jena nicht als Kranke. Zuvor traute sich keiner der Baileys aus Rücksicht und Fürsorge zu „leben“ – außer vielleicht Jena selbst („Ich bin krank, nicht tot!“). Trotz Zurückweisungen sucht Jena Danis Nähe („Bleib einfach bei mir … Mach nichts Dummes … Es ist nicht deine Schuld“). Doch Dani erwacht (auch bildlich) erst nach dem Sprung von einer Klippe: Vielleicht besitzt sie doch nur ein Leben und es ist mutiger, dieses „für jemanden zu leben“? Ob Jena gesunden wird, bleibt offen. „Nicht alle Tage sind gute Tage“, aber die Baileys leben wieder zaghaft mit- und füreinander, und die Zwillinge versuchen, einander düstere Gedanken zu verzeihen, denn schließlich – so Jena – sind sie füreinander das „Back-up“.

Einfühlsam porträtiert die Autorin und Neurobiologin, wie ihre Heldin sich langsam den Schuldgefühlen und der Angst um die liebste Bezugsperson stellt. Einfache Sätze und Ellipsen überbringen eine komplexe Botschaft, welche die Übersetzerin Alexandra Ernst deutschen Lesern meisterhaft zugänglich macht. Ein besonderer Roman, der nicht nur Betroffene zu Auseinandersetzung und Vergebung einlädt.

Kristina Vogt