Cover: Sarah Crossan; Die Sprache des Wassers

„Ich weiß, wann ich hoch kommen muss, um Luft zu schnappen, und wann ich den Kopf unten halten muss.

Beim Training, auf dem Startblock habe ich keine Angst:

Ich stehe für mich allein, und das hat sich noch nie so gut angefühlt.“

Mit diesen Worten lässt die irische Autorin ihre Ich-Erzählerin Kasienka den Text beschließen. An deren Seite taucht der Leser in das Leben der fast 13-jährigen Polin ein. Mit der Entscheidung der Mutter, den nach England abgetauchten Vater zu suchen und mit ihm am neuen Ort ein neues Leben zu beginnen, wird das Mädchen „ins kalte Wasser“ eines Migrationslebens geworfen. Die Erfahrung, nicht (alles) zu verstehen und nicht (von allen) verstanden zu werden, lässt Kasienka immer einsamer und stummer werden. Die Sprachlosigkeit zwischen Kasienka und ihrer zunehmend unglücklicher werdenden Mutter verstärkt das Problem – entfremdet beide. Das quälende Mobbing einiger Mitschülerinnen, die wochenlang währende Suche nach dem Vater und die schmerzhafte Sehnsucht nach Zuhause ziehen die Ich-Erzählerin in viele Gefühlsstrudel, denen sie erst entkommt, als sie sich auf das besinnt, was sie gut kann: Schwimmen. Im Wasser spürt sie sich selbst, ihre Kraft und Fähigkeit, zu siegen – Wasser ist ihr Element. Beim Schwimmsport lernt sie William kennen, dessen Zuneigung Kasienka zulassen kann, als sie endlich zu ihm Vertrauen fasst.

Sarah Crossan holt Zeile für Zeile das Gefühlsleben ihrer Heldin an die Oberfläche. Prägnant und dicht wirkt ihr Text, der auf den ersten Blick wie eine Gedichtsammlung erscheint. Bei genauerem Lesen erweist er sich als Prosa mit vielen Kapiteln, die strophenartig gegliedert sind. Darin lässt sie manchen Gedanken Raum, formt sie zu Sinnschritten über bis zu acht Zeilen, andere reduziert sie auf ein Wort. So entstehen für den Leser gedankliche Leerstellen, die durch das Layout unterstützt werden. Die Textstruktur – drei Teile und ein Prolog – erinnert wiederum eher an ein Drama. Das Buch, dessen Übertragung ins Deutsche sicher nicht einfach war, belegt, dass die Autorin die Techniken kreativen Schreibens beherrscht. Möglicherweise wirkt das Erzählte auch deshalb seltsam kühl. Interessant wäre, ob Jugendliche nach der Lektüre andere Varianten für den deutschen Titel fänden. Das englische Original lautet: „The weight of water“.

Sabine Mähne