Die Pendeluhr des Großvaters bestimmt den Rhythmus des Familienlebens. Mit dessen Tod verstummt auch die Uhr, die Familie fällt aus der Zeit. Magische Dinge geschehen: Die Pflanzen wachsen nicht mehr, die Suppe wird nicht heiß, die Wäsche nicht trocken. Selbst das erwartete Kind kommt nicht auf die Welt. Erst als der Enkel mit dem Schlüssel, den der Großvater stets bei sich trug, die Uhr wieder aufzieht, kehrt die Familie in die „normale“ Zeit zurück und findet wieder zu dem ihr gemäßen Takt. In seinem poetischen Text lässt Samuel Castaño Mesa in nur 18 Sätzen, jeweils gedruckt in Deutsch und Spanisch, den Enkel von Abschied, Vergänglichkeit und Zeit zum Trauern erzählen. Die im gleichen Satzspiegel zweifarbig gestalteten Zeilen umgibt innerhalb der illustrierten Doppelseiten meist eine weiße Fläche. Diese wirkt wie ein Symbol für die Leere, welche der Großvater durch seinen Tod hinterlässt und hebt die Tragweite des Gesagten hervor. Die schlichten Sätze, rhythmisch an das Ticken einer Uhr erinnernd, klingen nach und lassen Raum für eigene Erfahrungen und Gefühle. Als Illustrator ein Debütant, arbeitet der kolumbianische Autor in seinen dezent farbigen Bildern, einer Kombination aus ausgeschnittenen Fertigteilen, filigranen Bleistiftzeichnungen und Aquarellen mit Leerstellen. So hinterlässt z. B. die Uhr nach dem Tod des Großvaters nur einen Schmutzrand an der weißen Wand und manche Doppelseiten sind so spärlich illustriert, dass sich Gegenstände, Tiere oder Pflanzen im Raum fast verlieren. Andere Seiten wiederum sind sehr dicht gestaltet und erzählen mehr als der Text. Eine Rechenheftseite füllen z. B. neun Häuser, die in ihrer Form der Pendeluhr des Großvaters gleichen, aber durch ergänzende Attribute ahnen lassen, was gerade im Haus geschieht. Mal ist da eine Wäscheleine, mal eine Tasse und mal verwandelt sich eines der Häuser sogar in eine Kaffeekanne. Wie für den magischen Realismus in Lateinamerika typisch, wird Unbelebtes auf diese Weise verlebendigt und die Übergänge zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen. Sinnbilder dafür sind die noch im Tod imposante Präsenz des Großvaters und das aus den Fugen geratene Wohnzimmer, in dem jedes Bild schief hängt. Für einen sinnlichen Einstieg in dieses symbolträchtige Bilderbuch könnte eine tickende Pendeluhr dienen und eine Illustration, welche die Besitztümer des Großvaters zeigt. Im Laufe der Überlegungen darüber, wem diese Gegenstände gehören könnten, würde die Uhr angehalten. Was könnte geschehen sein? Kennen Kinder einen entsprechenden Brauch?

Ulrike Kassun