Plötzlich schwebt der alte Mann, der eben noch Silhouetten aus Papier ausgeschnitten hat, inmitten von Wolken, Vögeln und Scheren. „Frei und entfesselt“, so Henri Matisse über sein Spätwerk, habe er über den Scherenschnitt zu seinem wahren Selbst gefunden. Die vermeintliche Beschränkung auf einfachste Formen ließen dem Schwerkranken sinnbildlich Flügel wachsen. Vom Krankenbett aus dekorierte er Zimmerwände mit Tieren und Pflanzen und schuf sich so einen „begehbaren“ Garten.

„Matisse und sein Garten“ heißt daher das Buch, welches Kindern die letzte Lebensphase des großen französischen Malers (1869-1954) nahebringt. Dabei wird Krankheit weder im Text noch im Bild direkt thematisiert. Nur die Illustrationen der jungen Mailänder Grafikdesignerin Cristina Amodeo spielen auf Gebrechen an, zeigen sie Matisse doch zumeist sitzend oder liegend. Der Text von Samantha Friedman dagegen, geschrieben 2014 anlässlich einer Cutouts-Ausstellung im New Yorker MoMA, fokussiert ausschließlich auf Matisse’ späte Arbeiten. Kenntnisreich und detailliert informiert die Kuratorin darüber, wie Matisse mit Farben und Formen, Harmonien und Kontrasten experimentierte. Diese Aspekte setzte Amodeo kongenial um, indem sie die Technik des Meisters adaptierte und das Buch durchgängig mit Scherenschnittcollagen ausstattete. Auswahl und Komposition belegen genaue Kenntnis von Künstler und Werk. Wichtige Details aus Matisse’ Lebensumfeld, wie z. B. den Vogelkäfig oder die geliebten Katzen, aber auch seine Körperhaltung bei der Arbeit übertrug Amodeo aus Fotos in ihre Scherenschnitte. Andere Collagen zitieren Arrangements früherer Matisse-Bilder („Frau auf einem Sofa“) oder Motive verschiedener Stillleben. Eines der berühmtesten Gemälde („Die Tanzenden“) diente Amodeo als Vorlage für die Darstellung von Matisse’ Assistentinnen beim Grundieren der Blätter. Acht z. T. ausklappbare Nachdrucke von Originalen des Meisters laden zu Vergleichen mit Amodeos Gestaltungskonzept ein und sind gleichzeitig beziehungsreicher Bestandteil der Buchkomposition, welche vielfältige Möglichkeiten für die Weiterarbeit mit Kindern und Jugendlichen bietet. Ausgehend von Amodeos Adaptionen könnten Kinder eigene „Übersetzungen“ von Fotos in Scherenschnitte schaffen. Oder Matisse‘ Scherenschnitt „Die Bienen“ könnte dazu überleiten, was auch für ihn selbst als das Spannendste an dieser Technik war: die konsequente Reduktion auf Wesentliches, das Spiel mit Formen und Farben. „Matisse’ Garden“ ist der Beginn einer Reihe von Kinderkunstbüchern, die Diogenes in Kooperation mit dem MoMA plant. Nach diesem gelungenen Start darf man auf weitere Titel gespannt sein.

Anja Krauß