Cover: Salah Naoura, Chris, der größte Retter aller Zeiten

Missverstandene Kirchenlieder können positive Folgen haben. Der vierjährige Chris überhörte vor sieben Jahren das T in „Chris(t), der Retter ist da“ und rettet seitdem „alles und jeden“: entflohene Wellensittiche, sich verschluckende Mitschüler, Schnecken auf der Fahrbahn … Nur die traurig-angespannte Familienstimmung – Chris lebt mit Eltern und Großeltern in einer Villa in Berlin-Zehlendorf – kann er nicht retten. Seit Chris‘ Zwillingsbruder mit zweieinhalb Jahren ertrank, wacht die Mutter ängstlich über den Restsohn. Sie fälschte sogar ein Attest zur Schwimmbefreiung. Überdies darf Chris sich nur nahe der Villa und Schule aufhalten, was per Handy kontrolliert wird. Da aktuell die Rettung des neuen, stets übermüdeten und kontaktscheuen Mitschülers Titus ansteht, der jedoch in Schöneberg wohnt, verlässt Chris unerlaubt den verordneten Radius. Bei seinen Recherchen erweist sich die jüngere, anhänglich-nervige Emma, Chris‘ neue Nachbarin, als hilfreich: Emma will Kommissarin werden. Die Ermittlungen legen nahe, dass Titus stiehlt und sogar ein Kind entführt hat. Letztlich stecken jedoch hinter allem ernste Familienprobleme, deren Lösung, von Chris, Emma und Titus mutig vorangetrieben, beide Familien „rettet“.

Motive, Spannungsaufbau, Figuren- und Problemkonstellationen, Erzählweise, Dialogführung und Konfliktlösung erinnern stark an Kästners Freundschafts- und Familiengeschichten oder Steinhöfels „Rico“-Trilogie. Die Botschaften lauten: Freundschaft lässt Kinder über sich hinauswachsen, Erwachsene sind lernfähig, Mitgefühl und Solidarität unverzichtbare Werte. Wie bei Kästner wird dieser aufklärerische Impetus durch einen humorvoll-warmen Erzählton des überschauenden Erzählers und eine liebevolle Charakteristik der Protagonisten abgefangen, wobei besonders die Dialoge überzeugen. Auch wird auf differenzierte Weise das Problem „Schuld“ (am Tod des Zwillingsbruders) umkreist, in das sich Eltern als auch Großeltern verstrickt fühlen. Wie sie ihre „Verdrängungen“ kompensieren, macht Naoura eindrücklich nachvollziehbar, egal ob die Mutter sich ständig zurückzieht oder Oma mit ihrem orientierungsschwachen Mann nur im Befehlston redet. Auch thematisiert der Autor allgemeine Fragen kindlichen Aufwachsens in gutsituierten Familien, wie z. B. Überbehütung, ständige Kontrolle mittels Handy als verlängerte Nabelschnur und Kinder als ausschließlicher Lebensinhalt von Müttern, Stichwort: „Hotel Mama“. Da „lesende“ Kinder im beschriebenen Milieu häufiger vorkommen, könnten die Befreiungsversuche von Chris durchaus beispielgebend wirken.

Claudia Rouvel