Cover: Sabine Ludwig, Die Tür bleibt zu!

Eine allbekannte Situation: Die Eltern erwarten Besuch und das Kind muss ins Bett. Aber Oskar ist überhaupt nicht müde. Lautstark verlangt er: 1. Kakao, 2. Kuchen, 3. den Staubsauger (wegen der Krümel), 4. Musik … Von draußen ruft es jedes Mal zurück: „Die Tür bleibt ZU!“ Die Zimmertür bleibt es tatsächlich; hingegen geht viermal die Schranktür auf – und: Tapp, tapp, TAPP … Als der Vater nachsieht, ob Oskar endlich schläft, liegt das Kind nicht im Bett, sondern murmelt aus dem Schrank heraus: „Die Tür bleibt ZU!“

Wie erklärt sich diese Umkehrung und worin liegt ihr Witz? Durch einen Protagonisten mit höchst lebendiger Vorstellungskraft und eine – in doppeltem Sinn – fantastische Symbiose von Text und Bild. Der Text erzählt die kleine Alltagsgeschichte, jüngsten Kindern verständlich, in einfachen Worten und kurzen Sätzen. Sich wiederholende Passagen und Lautmalereien animieren zum Nach- bzw. Mitsprechen. Den Plot humorvoll zu interpretieren und die Rezeption entsprechend zu lenken, ist jedoch die Leistung der Bildebene: Anthropomorphisierte Katzenfiguren bilden Kind und Eltern, verschiedene Hundefiguren die Besucher ab; alle sind menschlich gekleidet und mit Haushaltsgegenständen ausgestattet, ahmen menschliche Haltungen und Bewegungen nach und weisen durchweg eine ausdrucksstarke Mimik auf. Auch das Interieur zeigt ein Stück Menschenwelt. Diese präsentiert sich in farbkräftigen Einzel- oder Doppelseiten. Großformatig gerahmte Bilder aus verschiedenen Perspektiven wechseln mit originell positionierten Illustrationen, in denen viele Details zu Entdeckungen einladen, aber auch Freiräume bleiben.

Schon wer das Buch allein ‚anschauend‘ liest, kann dahinter kommen, wieso Oskar sich an die Anweisung der Eltern hält und dennoch zufrieden wirkt. Dabei helfen bildliche Andeutungen in Sprechblasen oder eigene Zeichnungen des Kindes. Zudem bringt nach jeder Wunschäußerung Oskars jeweils ein (anderer) Hund das Verlangte. Sind das nicht dieselben Hunde, die auf einer der letzten Seiten mit den Eltern am Wohnzimmertisch Karten spielen? Hatte Oskar diese Besucher womöglich bereits vor dem Ins-Bett-Gehen gesehen?

Das in fruchtbarer Zusammenarbeit zweier erfahrener Künstlerinnen entstandene Bilderbuch bereitet bei gemeinsamem Betrachten und (Vor-)Lesen Klein und Groß gleichermaßen Vergnügen. Vielleicht vermag es sogar ähnliche Konfliktsituationen zu entschärfen.

Edda Eska