„Es war einmal ein Hund (…) Er hatte vor rein gar nichts Angst (…) Aber einmal passierte etwas, was einfach nicht passieren darf“: Im rappelvollen U-Bahnhof erleidet Frauchen Irma einen Herzanfall und im folgenden Durcheinander entwischt der Hund. Er irrt treppauf, treppab, durch die tief verschneite Stadt bis zu einem ihm wohlbekannten Park, beschnuppert einen roten Handschuh im Schnee, der vertraut riecht, und schläft schließlich  hungrig und erschöpft unter einem Strauch ein. Am nächsten Morgen trifft er u. a. Emil, der ihm eine Bockwurst schenkt, und stößt noch einmal auf den roten Handschuh. Der lässt ihn den Weg nach Hause finden, wo sich das Mädchen Alina seiner annimmt.

In zehn Kapiteln erzählen Rose und Rebecka Lagercrantz in Text und Bild vom Glück im Unglück eines kleinen, schwarzen Hundes, dem der Zufall – oder ist es das Schicksal? – zu Hilfe kommt: Würstchenspender Emil kommt von der Nachtschicht auf der Intensivstation, wo er Irma betreute. Den roten Handschuh verlor Alina. Er war ein Geschenk, selbstgestrickt von Irma. Die rückblickend erzählte Geschichte mit ihren wundersamen Verknüpfungen von Geschehnissen, Figuren und dem glücklichen Ende mutet fast wie ein Märchen an, was auch die im Text verwendeten Gegensätze Hell/Dunkel, Tag/Nacht, Wärme/Kälte, Angst/Hoffnung stützen. Eine überschauende Erzählstimme begleitet den Vierbeiner mal beobachtend, mal kommentierend, wendet sich aber auch einmal Alina zu, die abends am Fenster steht, voller Sorge um den Hund der Nachbarin, den sie aus dem Auto heraus auf der Straße gesehen hatte. Alinas Mutter hatte nicht angehalten: Es würde sich schon jemand um den Hund kümmern …

Da Rebecka Lagercrantz ihre stimmungsvollen Aquarelle konkret verortet, bilden diese zum Text einen atmosphärisch-reizvollen Gegensatz. Zu erkennen ist das winterliche Stockholm, u. a. der Djurgården-Park mit seinem blau-goldenen Parktor, das Rigoletto-Kino, das Ausflugsschiff Gustavsberg oder das Rathaus. Überwiegend in den schwedischen Landesfarben Blau und Gelb gehalten, setzt die Künstlerin mit dem Rot des Handschuhs leuchtende Akzente. Dieses Rot kennzeichnet auch die Kapitelüberschriften, sodass noch einmal ästhetisch die Text-Bild-Beziehung hervorgehoben ist. Am Ende des Textes steht die Frage: Was, wenn der Hund in der Nacht im Park erfroren wäre? Die Frage kann in einer Veranstaltung an die Kinder weitergegeben werden. Sie initiiert ein Nachdenken über einen gänzlich anderen Verlauf der Geschichte, die auch ein feines Plädoyer für ein achtsames, mitfühlendes, verantwortungsvolles Zusammenleben ist – nicht nur von Mensch und Tier.

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Kathrin Buchmann/Christiane Quandt