Cover: Robert Louis Stevenson; Der Pirat und der Apotheker

Die ungleichen Freunde Ben und Robin wachsen in Wales auf, nahe der schweren See. Erwachsen geworden, verbreitet Rob als Pirat Angst und Schrecken, der „gute Bürger“ Ben erschleicht sich als Apotheker ein Vermögen. Beim Wiedersehen prahlt jeder mit seinem Reichtum. Auf die menschenverachtenden Offenbarungen seines Freundes reagiert der radikale Rob unerwartet, aber konsequent … Stevenson schrieb das erst 1912 veröffentlichte Poem bereits 1882 für seinen Stiefsohn, laut Untertitel „Eine lehrreiche Geschichte“. Das sprachlich-kraftstrotzende Gedicht gliedert sich in drei Abschnitte: Vorstellung der beiden „bösen Buben“ als zwei Grundtypen des Bösewichts, daraus folgende Lebensgestaltung und moralisches Ende. Der Text, rhythmisiert durch Paarreime, erinnert an eine Moritat. Bis zum Wiedersehen wertet ein überschauender Erzähler Hauptfiguren und Geschehen. Ihre „Verdienste“ jedoch fechten die „Helden“ im direkten Dialog aus, so dass der Wechsel vom Außen- zum Innenblick die Spannung zum furiosen Ende hin steigert.

Stevenson bedient sich hier der Tradition der „Moral Emblems“, worin erst die Einheit von Bild und Text den Inhalt entschlüsselt, meist Verhaltensnormen und Lebensmaximen. Er selbst fertigte Holzschnitte zu seinen Versen an. Wagenbreth übernimmt das Holzschnittartige in Text und Bild. Die intensiv-farbigen, mit Schwarz stark konturierten, dynamischen Bildkompositionen und Figurenkarikaturen erinnern an moderne Comics und an expressionistische Bilder. An einer Stelle bereitet Wagenbreth das Ende vor, indem er Rob eine menschliche Regung attestiert. Der wilde Pirat rettet im Bild aufopferungsvoll Frau und Kind während einer Seeschlacht, im Text dagegen prahlt er mit seiner Brutalität. Stevensons Text birgt gesellschaftskritischen Sprengstoff. Er lässt die Freunde, zwei Auswüchse bürgerlicher Scheingesellschaft, in Wales aufwachsen, damals eine Hochburg des Sozialismus. Robins Piraterie verortet er in den Seychellen, ehemals Zentrum skrupelloser Freibeuterei und eng verbunden mit dem britischen Kolonialismus. In seiner „einst geliebten Stadt“ wird der Heimkehrer als „Fremdkörper“ abgelehnt, aber der wütende Außenseiter wird zum Richter über den moralisch verwerflichen, aber als honorig akzeptierten Verbrecherfreund. Richtet der eine Bösewicht den anderen oder beseitigt er die Doppelmoral? Die Bewertung bleibt jedem selbst überlassen.

Was ist „gut“ ‒ was „böse“ ‒ was „böser“? Was bedeutet Gerechtigkeit? Gibt es Parallelen zu unserem heutigen Leben? Gehört das „Böse“ zu unserem Sein oder entsteht es durch die gesellschaftlichen Verhältnisse? Das könnte ältere Kinder beschäftigen. Für jüngere sind bereits die eindrücklichen Bilder von den Piratenschlachten faszinierend. 2013 wurde das eindrucksvolle, großformatige Buch für den DJLP, Sparte Bilderbuch, nominiert.

Juliane Eyermann / Claudia Rouvel