Cover: Renate Welsh, Zeit ist (k)eine Torte

„Mama ist auf ihrem blöden Kongress und Papa ist in seinem blöden Büro“. So denkt Elli, muss sie doch auf den versprochenen Skiurlaub verzichten. Mal wieder geht die Arbeit der Eltern vor. Immerhin rettet sie an diesem Tag die Katze der Nachbarin. Frau Neudeck, die in Ellis Familie bisher als schrullig galt, bietet sich daraufhin als „Babysitter“ an. Es folgt eine Woche, in der reichlich Zeit ist: zum Halma spielen, für die Erprobung alter Rezepte und eine wilde Fahrt im Autodrom; sogar „Die Zauberflöte“ kommt (im hauseigenen Papiertheater) zur Aufführung. Wichtiger jedoch als das „was“ passiert, ist worüber und wie miteinander gesprochen wird. Elli, der jeglicher Kontakt zu Großeltern fehlt, „mag Geschichten von früher“. Nicht nur die von Frau Neudeck, sondern auch die von Herrn Pospischil, der seit 10 Jahren nur einmal im Monat eingeladen war. Trotz seiner Angst vor Kindern gesellt sich dieser nun täglich zu den Wahlverwandten. Elli erfährt von Kränkungen, Verlusten, aber auch Glücksmomenten, also von Erfahrungen, die nur Menschen erzählen können, die auf ein langes Leben zurückblicken.

Als Frau Neudeck schließlich ihre eigene Mutter als „Königin der Nacht“ auftreten lässt – mit einem aus einem Foto geschnittenen und mit Zornesfalten bekritzelten Gesicht – stellt sich für Elli nicht nur die Frage, ob Mütter „wirklich böse“ sein können. Auch über den Vater kommen ihr „Gedanken“, die „nicht warten können.“

Die bekannte österreichische Autorin Renate Welsh wirbt seit Jahrzehnten um ein verständnisvolles Miteinander der Generationen. So auch hier. Mit Frau Neudeck und Herrn Pospischil begegnen den Leser*innen einprägsame, leicht skurril und bisweilen weltfremd erscheinende Figuren, die jedoch nie lächerlich wirken. Besonders durch glaubhafte Dialoge, die in ihren Wendungen überraschen und die Akteure verletzbar und eigenwillig zugleich zeigen, entsteht eine überzeugende Lebensnähe, die im Alltäglichen das Staunenswerte erhellt. Eine zusätzliche Generationenbrücke schaffen märchenhaft-absurde Elemente, welche beiläufig vermitteln, dass auch in älteren Menschen das Kind weiterlebt, das einst die Welt magisch erfuhr. So z. B. wenn Frau Neudeck Angst vor dem Schuldturm hat, sollte sie das Losungswort nicht wissen. Gerade die magische Text-Ebene bietet auch der Illustratorin Julie Völk Spielräume für eigene Bildassoziationen.

Für einen Bucheinstieg böte das Neudecksche Papiertheater mit Stabpuppen und Hausmusik einen atmosphärischen Rahmen. Auch die Wortspiele, die Elli und Frau Neudeck aus der Lektüre des alten Kochbuchs entwickeln, könnten zur Einführung der Figuren dienen.

Sylvia Habermann