Cover: Rena Dumont; Paradiessucher

Mit einem Urlaubsvisum flüchten die 17-jährige Lenka und ihre Mutter aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Beide wissen nichts über dieses „westliche“ Land, außer dass dort „paradiesisch“ einzukaufen ist. Und: Lenka will Schauspielerin werden, was ihr in der Heimat verwehrt wurde, wählte sie doch zum Vorsprechen einen „nichtsozialistischen“, amerikanischen Autor. Acht lange Monate verbringen Mutter und Tochter in einem Asylbewerberheim. „Politisch nicht verfolgt“, leben sie in ständiger Angst, abgeschoben zu werden. Zwar steht die Mutter Lenka zur Seite, diese ist ihr „Zuhause“, fühlt sich jedoch schuldig, die Familie in der Heimat verlassen zu haben, besonders ihre kranke Mutter. Das Bleiberecht wird gewährt, auch dank einer bühnenreifen Show Lenkas. Das gesuchte Paradies ist Deutschland nicht.

„Dies ist eine fiktive Geschichte, die ich im Kern so erlebt habe“ überschreibt die Autorin Rena Dumont (ehemals Zednikova) ihren Roman. Die erzählte Zeit (1986), die damalige politische Spaltung Europas, ist für junge Leser heute Vergangenheit. Aber die historischen Details über das „wirkliche“ Leben in der ČSSR oder die Verhältnisse im Heim am Königssee sind nicht das Entscheidende, obwohl viel darüber zu erfahren ist: über geistige Enge, ideologische Überformung, eingeschränkte Berufschancen für nicht(kommunistisch) Linientreue oder die Stumpfheit des Daseins im Asylbewerberheim, die alltägliche Gewalt der Flüchtlinge, „jeder gegen jeden“. Eher zeitlos wird von Weggehen und Ankommen erzählt, von Selbstfindung und Selbstbestimmtheit, von konkreter Flucht als Ausbruch und Aufbruch. Lenkas kleine Schritte hinein in ein erwachsenes Leben gestaltet die Autorin vorrangig über die Sprache: ein überzeugender, manchmal selbstvergewissernd-redundanter Monolog der Selbst- und Weltbetrachtung einer (noch) Pubertierenden. Lenkas expressive Emotionalität, ihr ausschließlich „in der Gegenwart leben“, vermittelt sich im Präsens, nur zeitweise unterbrochen von Erinnerungen. Sie ist sentimental-unsentimental, egozentrisch-empathisch, körperverliebt-körperfeindlich. Derb, beißend, bemüht ironisch-distanziert formuliert Lenka sexuelle Erfahrungen, wobei diese Einlassungen Ausdruck für ihre (Sehn)Sucht nach Nähe, Erprobung von Wirkung auf und Macht über das andere Geschlecht, auch Rollenspiel sind. Zum Ende hin wird der Ton versöhnlicher, humorvoller, differenzierter. Die zärtliche Begegnung mit einem Deutschen trägt maßgeblich dazu bei.

Für heutige Leser trägt neben dem unmittelbaren Erzählen sicher der „biografische Kern“ zur Text-Attraktivität bei. Wahr ist u. a. jedoch nur, dass die Autorin wirklich Schauspielerin geworden ist, was sich in der Textgestaltung ausweist. Um der Differenz zwischen Kunst und Wahrheit auf die Spur zu kommen, konnten Textteile eingangs in Monologe aufgeteilt und von verschiedenen Leserinnen vorgetragen werden. Welche ist die „wahre“ Lenka?

Ulrike Kassun / Claudia Rouvel