Ein reicher persischer Kaufmann hält seinen geliebten Papagei in einem goldenen Käfig. Als er eines Tages nach Indien reist, bittet ihn der Papagei, einem dort beheimateten Freund zu erzählen, wie es ihm geht. Kaum hat der Kaufmann dies getan, fällt der indische Papagei tot um. Und ebenso ergeht es seinem eigenen Papagei, als der Kaufmann nach der Heimkehr vom Tod des Freundes erzählt. Doch als er den geliebten Vogel traurig aus dem Käfig nimmt, fliegt der Papagei plötzlich davon in die Freiheit.

Die parabelartige Geschichte entstand nach einem Gedicht von Rumi (persischer Mystiker und Dichter des 13. Jh.). Die im Iran geborene Künstlerin Rashin Kheiriyeh gestaltet zu ihrer literarisch stark reduzierten Fassung farbkräftige, schwarz konturierte Bilder auf grobstrukturiertem Papier. Deren klare Formen, angereichert mit vielfältigen, teilweise vergoldeten Ornamenten, erinnern an traditionelle persische Miniaturmalerei. Eng mit dem Text verbunden, machen sie diesen verständlicher und geben der Dichtung „ein Gesicht“. Sie gewähren z. B. Einblick in das Leben des Kaufmanns in seinem Palast und zeigen ausdrucksstark die Befindlichkeit der Beteiligten.

Die Vitalität von Gefühlen drückt die Künstlerin durch die Dominanz der Farben Rot und Grün aus, differenziert diese jedoch durch schwarze, weiße und gelbe Akzente. Details vertiefen den Text: So taucht z. B. immer wieder eine schwarze Katze auf, Symbol u. a. für weibliche Unabhängigkeit. Der Papagei selbst stand seiner Schönheit wegen für freie Liebe und Kreativität. Im Rumis Original verzaubert der weibliche Vogel durch seine wunderschöne Stimme. Die Künstlerin spielt darauf an, indem sie ein Grammophon in das Zimmer des Papageis integriert. Am Ende sitzt der Kaufmann vor dem offenen leeren Käfig, das spielende Grammophon innig auf dem Schoß haltend. Die schwarze Katze schaut dabei hinaus in den Garten, wo – auf der letzten Seite sichtbar – die beiden Papageien fröhlich fliegen. Eine Botschaft könnte lauten: Der besitzergreifend Liebende muss lernen loszulassen, um empfangen zu können, und der Gefangene muss „sterben“, um frei zu sein. Das Buch bietet durch seine einnehmende Gestaltung eine schöne Möglichkeit, bereits jüngeren Kindern diese alte persische Parabel nahe zu bringen.

Juliane Eyermann