Rilkes „Panther“ ist eines der bekanntesten und bedeutendsten Beispiele deutschsprachiger Lyrik. Der Dichter, dem die Sprache zur Verfügung stand wie kaum einem vor und nach ihm, schuf das Bild eines geheimnisvollen Tieres und gleichzeitig eine Situation, die Symbol für vieles sein kann. Angeregt durch einen Besuch im Pariser Botanischen Garten, vielleicht auch durch eine Skulptur im Atelier des bewunderten Bildhauers Rodin, schuf Rilke eine Metapher für Gefangenschaft: physische oder psychische. Die „Stäbe“, welche das Tier von der Welt trennen, erhalten ein Eigenleben. Sie zwingen das Tier, das aus der Weite kommt, zu einer sinnlosen Bewegung im Kreis, die nur in Augenblicken durch Kontakt zur Wirklichkeit unterbrochen wird.

Die verdienstvolle Reihe des Kindermann-Verlags „Poesie für Kinder“ zeichnet aus, dass die den ausgewählten klassischen Gedichten, darunter viele Balladen, beigefügten Illustrationen eigene Lesarten renommierter Bildkünstler*innen anbieten. Julia Nüschs Lesart ist eine z. T. begleitende, aber auch über den Text hinausgehende. Ihre zeichenhafte Empathie umfasst Tier und Dichter. Die ersten textlosen ockerbraun gefärbten Doppelseiten, eine Art Prolog, zeigen den Dichter ebenso „müd geworden“ wie später den Panther in Text und Bild. Auch sind des Dichters Haar und das Pantherfell gleichermaßen ergraut. Als die Gedichtidee Gestalt annimmt, versinnbildlicht in der Parallel-Abbildung von Dichterkopf und Panther im Käfig, wechselt die Farbgebung in kühles Blau-Grün-Grau. Der schwarz-graue, todtraurig blickende Panther beherrscht den Bildraum. Eingefügt in diese Illustration sind die ersten Gedichtzeilen. Textnah zeigen Nüschs expressive Aquarelle vorrangig die Resignation in Blick und Körpersprache des Tieres, aber auch Wildheit und verborgene Kraft. Aus den engen Stäben ragen trotzig Schwanzspitze und Pranke. Gegenläufig zur Aussage „betäubter großer Wille“ illustriert Nüsch den Panther in aggressiver Pose und mit aufgerissenem Rachen Herbstblätter und Zooeintrittskarte aufwirbelnd. Auch scheint der Panther in seinem Schicksal nicht allein zu sein. Kolibri, Papagei, Giraffe und Elefant wirken tröstend-solidarisch. Ob der befreiende Sprung am Ende Wunschtraum des schlafenden Tieres bleibt oder Realität werden könnte, liegt im Auge der Betrachter*innen. Für Kinder erübrigt sich eine formale Gedichtanalyse. Genaues Einsehen und Einfühlen in die Bilder genügt. Naheliegend wäre die Frage: Darf man wilde Tiere einsperren oder dressieren? Weiterführend das „Blätter“-Motiv. Was bedeuten die zerknüllten weißen Blätter auf dem Tisch des Dichters auf der ersten Doppelseite? Könnten sie etwas mit den Blättern zu tun haben, die der Panther aufwirbelt?

Rudolf Wenzel