Cover: Pija Lindenbaum; Greta haut ab

Es reicht! Greta hat keine Lust, zu tun, was sie nicht will: ein wichtiges Spiel unterbrechen, hübsche Kleidchen statt des Matrosenanzugs anziehen, zum Kaffeetrinken mit Erwachsenen gehen, die nur sitzen und reden. Als sie dann noch ihr Fahrrad wegräumen soll, das der größere Stiefbruder unerlaubt benutzt hat, ist Gretas Geduld am Ende: „Jetzt haue ich ab“.

Pija Lindenbaum (DJLP 2012 für „Mia schläft woanders“) setzt auch in vorliegender Familiengeschichte die impulsgesteuerte Gefühlswelt eines kleinen Mädchens und dessen Selbstbehauptung gegen dominante Erwachsene einfühlsam-überzeugend um. Vermittelt der Text die spontanen Frustreaktionen der Ich-Erzählerin, zeigt sich in den phantastisch verfremdeten Illustrationen gleichnishaft die emotionale Komplexität von Gretas Gefühlen, angesiedelt zwischen Wut, Trauer und Angst. Wagte sie im häuslich-geschützten Raum Zorn und Abgrenzung, überfallen das später auf sich gestellte Kind unkontrollierbare Ängste: Statt des gewohnten Hündchens führt die Nachbarin plötzlich einen Eisbären an der Leine oder der bekannte Graben wird zum Fluss, in dem ein Nilpferd schwimmt. Als Greta überdies in den „ekligen“ Graben fällt, wechselt Lindenbaum das Bildformat, was perspektivisch die Dramatik der Situation verstärkt. Auch die Farben wechseln. Ruhig-kühles Blau-Grün für „zu Hause“ wechselt in ein expressives Rot-Gelb für „unterwegs“. Von zentraler symbolischer Bedeutung ist die Gestaltung von Gretas „wilder Mähne“, womit die Künstlerin ihrer Heldin eine herrliche Vitalität verleiht und gleichzeitig deren Rebellion und Wunsch nach Fürsorge ausdrückt. Anfangs ganz kurz, wachsen Gretas Haare – und damit ihre Körpergröße – mit dem Ausbruch immens. Sie stehen hoch, wenn Gretas Zorn wächst, bewahren Blätter und Vögel als Relikte bewältigter Abenteuer oder umhüllen sie wie eine wärmende Decke. Nach Gretas Heimkehr und der Erkenntnis, dass sie gar nicht vermisst wurde, greifen die Haare wie Flammen nach der Mutter und deren Partner: „HABT IHR DENN GAR NICHT GEMERKT, DASS ICH WEG WAR UND FAST IN EINEM GRABEN GESTORBEN WÄRE?“ Aufgrund dieses Ausbruchs wird Greta endlich wahr- und ernstgenommen. Die Haare, von der Mutter liebevoll gezähmt, symbolisieren nun, dass es Greta wieder richtig gut geht.

Ein Bilderbuch, das Erwachsene und Kinder direkt angeht und berühren wird – wenn auch auf verschiedene Weise. Eine gemeinsame Vorlese- und Betrachtungssituation, zu Hause oder im Kindergarten, böte viel Stoff für gegenseitige Erfahrungen. Warum sind die Erwachsenen bloß so riesig und was hat es mit Gretas Haaren auf sich?

Susann Kloss