„Meine Freunde und ich … spielen immer Piraten. Das Meer ist unser Reich.“ Damit sind die Kostüme für das Schulfest klar. Peters Lieblingsgeschichte ist Robinson Crusoe. Also schneidert ihm die Mutter ein entsprechendes Kostüm und begleitet den Sohn zum Fest. Erwartungsvoll tritt Peter vor die Freunde, aber die verhöhnen ihn. Der weinende Junge will nur noch nach Hause. Im Bett wälzt er sich hin und her. „Ich fühle mich verloren … schwebe davon … Stunden vergehen, vielleicht sogar Tage. Bis ich auf einer einsamen Insel strande.“ Auf der Insel lernt Peter robinsongleich zu überleben. Er sucht nach Wasser und Nahrung, baut einen Unterschlupf, fertigt sich Kleider, befreundet sich mit Tieren. Die „Paradies“-Insel wird Zuhause. Doch stets hält Peter Ausschau nach Piraten. Und eines Tages kommen sie …

Angelehnt an ein Kindheitserlebnis erzählt der 70-jährige Peter Sís (u. a. „Madlenka“, „Die drei goldenen Schlüssel“, „Komodo“) von einem sensiblen Jungen, der eine große Kränkung – erst lesend, dann träumend – verarbeitet. Wie Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist das Buch auch eine Liebeserklärung an die Kraft der Phantasie, die Literatur und das Lesen, wobei die existentielle Frage des Jungen lautet: „Wie soll ich allein überleben?“ Die Insel steht somit motivisch für das Zurückgeworfensein auf sich selbst, ist Ort der Selbstfindung, der Ich-Stärkung und ermöglicht Heilung für die verletzte Kinderseele. Psychologisch überzeugend und künstlerisch herausragend gestaltet Sís diesen Prozess im spannungsvollen Verhältnis von vielgestaltigen, detailreichen Bildern und prägnantem Text. Für das Hinübergleiten in Schlaf und Traum versinnbildlicht ein doppelseitiges Simultanbild, wie sich das Bett des Jungen erst zum Segelboot, dann zum Dreimast-Segelschiff verwandelt. Gleicht das Bootssegel einem geöffneten Buch, scheint es beim Dreimaster nur noch aus dessen Einzelseiten zu bestehen. Wellenförmig vertieft sich das Hellblau des Wassers bei Annäherung an die Insel. Obwohl Peter zunehmend das Alleinsein bewältigt, bleibt die Angst vor den Piraten. Ihr hat er sich unausweichlich zu stellen. Eine Doppelseite zeigt die Eindringlinge schattenhaft, was Peters langsames Erwachen markiert. Sís schafft ein versöhnliches Ende, das gleichzeitig Neuanfang ist: Ins Kinderzimmer „eingedrungen“ sind die Piraten-Freunde, alle wie Robinson Crusoe gekleidet, und neugierig auf dessen Abenteuer. Nahezu jede Buch(doppel)seite eignet sich zum Einstieg in die Geschichte. Darüber hinaus könnte mit Kindern überlegt, geschrieben und gezeichnet werden, wie es zur „Läuterung“ der Freunde kam? Was passierte, als Peter und seine Mutter das Kostümfest verlassen hatten?

Kathrin Buchmann