Cover: Peter Dickinson; Abschied von Opa

Das schottische Küstenstädtchen Stonehaven ist das Zuhause des 11-jährigen Gavin und seiner Familie. Gavin wächst behütet auf, seine engste Bezugsperson ist der Großvater. An einem Nachmittag arbeiten Gavin und der Großvater an einem Modellboot, das Gavins Geburtstagsgeschenk werden soll. Gavin wählt für das Boot den Namen „Selkie“, nach dem mythologischen Wesen, das im Wasser Seehund ist und sich an Land in einen Menschen verwandeln kann. Genau in diesem Augenblick aber erleidet der Großvater einen schweren Schlaganfall. In den folgenden Wochen besucht Gavin den bewusstlosen Großvater so oft wie möglich im Krankenhaus. Seine Versuche der Kontaktaufnahme erscheinen ihm

jedoch so, „als würde man Botschaften in ein Erdbebengebiet schicken. Alle Telefonleitungen sind unterbrochen, alle Brücken zerstört, und man kann nur einen Boten nach dem anderen losjagen, damit irgendwann einer durchkommt.“ Auch wenn sich Gavin nicht sicher ist, ob es eine Verbindung zwischen den Selkies und dem Bewusstseinszustand seines Opas gibt, bringt er diesen ein großes Opfer dar. Gavin „wusste instinktiv, dass er sich auf einer Nahtstelle befand, zwischen Ufer und Meer, zwischen Nacht und Tag, zwischen Opas Leben und Opas Traum, zwischen seiner Welt und der der Selkies.“ Letztlich gelingt es Gavin, Kontakt zum Großvater herzustellen, was ihn hoffen lässt, dass noch kein endgültiger Abschied nötig ist.

Die Zwitterwesen „Selkies“ nutzt der Autor gleichnishaft: der Großvaters schwebt zwischen körperlicher An- und geistiger Abwesenheit, Gavin zwischen realer und magischer Welterklärung. Der Autor konfrontiert den Leser mit Gavins Überforderung, dessen Ohnmachtsgefühlen und quälendem Warten. Er lässt ihn aber auch daran teilhaben, wie Gavin über sich hinauswächst, einen Weg findet, mit der belastenden Situation umzugehen und eine Entscheidung zu treffen. Am Beispiel seiner Hauptfigur vermittelt Dickinson, dass psychisches Erleben und Erklärbarkeit der Welt nicht ineinander aufgehen. In diesem Sinne machen seine stimmungsvollen Beschreibungen von Meer und Küste einen Raum erfahrbar, in dem Selkies möglich erscheinen. Die Tuschezeichnungen von Daniela Chudzinski interpretieren Dickinsons poetische Landschaften als reale, gefühlte und geträumte Orte. Ob eine Rückkehr des Großvaters in die bewusste Welt übernatürlichen Kräften zu danken ist oder Gavins intensiver Zuwendung, muss der*die Leser*in selbst entscheiden.

Sarah van der Heusen