Cover: Peggy Parnass, Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete

Die Journalistin, Autorin und Schauspielerin Peggy Parnass schrieb diesen kurzen Text über ihre Kindheit im Nationalsozialismus schon 1979 für den Band “Unter die Haut”. In kurzen, eindringlichen Sequenzen erzählt Parnass von ihren Eltern, dem Leben in Hamburg unter den zunehmenden Repressalien gegen die Juden und schließlich von der Verschickung nach Schweden im Jahre 1939, die der Autorin und dem kleinen Bruder Gady (”Bübchen”) das Leben rettete. Die Eltern sahen sie nie wieder – diese wurden im KZ Treblinka ermordet. Parnass schildert Abgründe: Die Grausamkeit des Nationalsozialismus und die Last, Überlebende zu sein. Sie beschreibt Verfehlungen und Schwächen der Eltern und der eigenen kindlichen Seele wie Eifersucht und Neid. Nachhaltig prägten sich (gutgemeinte?) brutale Erziehungsmethoden ein: In einem Erholungsheim sollte Peggy zum Essen gezwungen werden: Sie musste auch das Erbrochene wieder aufessen. So verlernte sie „Sich-Übergeben“. Aber sie erinnert auch die große Liebe zu Bruder und Eltern und die innig gelebte Beziehung der Eltern. In Schweden werden die Geschwister getrennt. Sie dürfen sich nur abhängig von der Willkür der verhassten Heimleiterin sehen. Aber da sind auch kleine Widerstände und Fluchten, die ahnen lassen, dass Peggy Parnass als junge Frau einen selbständigen Weg gehen und eine weltgewandte, engagierte Persönlichkeit werden wird.

Als sie nach dem Krieg zurückkehrt, um sich an einer Milchfrau, die ihre Mutter erniedrigt hatte, und der Heimleiterin zu rächen, erkennt sie Unmöglichkeit und Sinnlosigkeit dieses Unterfangens und geht wortlos davon: „Mir war durch und durch elend … nicht mal diese beiden Male konnte ich kotzen.”

Komprimiert werden zentrale Erinnerungsmomente geschildert und assoziativ verknüpft. So vermittelt sich auch, wie Erinnerung funktioniert. Die Autorin favorisiert ein autobiographisches Schreiben, das Lücken zulässt und sich auf einzelne Momente fokussiert.

Begleitet wird der Text von kolorierten Holzschnitten der Künstlerin Tita do Rêgo Silva. Als vorherrschende Farbe setzte die Freundin auf Wunsch der Autorin „Gelb“ ein. Außer „Bübchen“ sind alle Figuren als Mischwesen gestaltet: auf Menschenkörpern sitzen Tierköpfe. Eine Gestaltung, die an Spiegelmans „Maus”-Comics erinnert. Mutter und Tochter sind mit Rehköpfen ausgestattet, ein Nazi und die Heimleiterin dagegen mit Wolfsgesichtern. Was die graphische Interpretation zusätzlich zu den Texten leistet, könnte mit älteren Jugendlichen diskutiert werden. Für Kinder ab 12 wäre eine begleitete Lektüre wünschenswert, welche die persönlichen Erlebnisse der Autorin historisch einordnet.

Sarah van der Heusen