Cover: Paul Fleischmann; Das Streichholzschachteltagebuch

Ein kleines Mädchen besucht zum ersten Mal den Urgroßvater. In dessen Antiquitätenladen entdeckt sie eine alte Zigarrenkiste, gefüllt mit Streichholzschachteln. In den Schachteln befinden sich Erinnerungsstücke an die Kindheit des Urgroßvaters und an die Auswanderung der siebenköpfigen Familie. So führte der Urgroßvater ein „Tagebuch“, ohne lesen und schreiben zu können. Ein Olivenkern steht für das von Armut und Hunger geprägte karge Leben in Italien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine Bordkarte und Schalen von Sonnenblumenkernen erzählen von der langen und gefährlichen Überfahrt per Schiff nach Amerika. Zeitungsausschnitte erinnern an das mühsame Fußfassen im fremden Land. Entwurzelt zogen die italienischen Einwanderer von Ort zu Ort, ständig auf der Suche nach Arbeit, immer in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch ein Stück Kohle hat der Urgroßvater aufbewahrt, Ausdruck seines Wunsches, irgendwann Lesen und Schreiben zu lernen.

Der amerikanische Autor Paul Fleischmann wählte anschauliche Kleinodien als Erzählanlass. Das Kind hört zu und fragt nach. Eine Annäherung der Generationen beginnt. Da die Protagonisten namenlos bleiben und auch der Ort der Begegnung nicht näher bestimmt wird, vermittelt sich, dass es nicht nur um ein Einzelschicksal geht, sondern um kollektive Erfahrungen. Individuelles Leben weitet sich zu Zeitgeschichte. Erzählanlass, klar gesetzter Erzählrahmen und die Dialogform schaffen Nähe zum heutigen Leser. Letztere stellt auch der russischstämmige, heute in den USA lebende Illustrator Bagram Ibatoulline her, indem er in seinen großformatigen, ungerahmten, fast fotorealistischen Bildern den jeweiligen Zeitbezug auf ästhetisch reizvolle Weise deutlich macht. Das Heute, die Begegnung von Urgroßvater und Urenkelin im Laden nebst dessen Ausstattung, illustrierte er detailgenau in warmen orange-braun rot getönten Acrylfarben. Auch die Sammelstücke in den Schachteln sind farbig. Das Damals hingegen, die gerahmten Bilder aus der Kindheit, platzierte er auf der den Gegenständen gegenüberliegenden Seite und wählte dafür ausschließlich Brauntöne, so an alte Fotos erinnernd. Urgroßvater und Urenkelin kannten sich anfangs nur vom Hörensagen. Am Ende sind sie einander nähergekommen und so beginnt das Mädchen auf dem Rückflug, Dinge in einer Süßigkeitenschachtel zu sammeln. Vor einer Buchvorstellung läge es nahe, das  „Streichholzschachteltagebuch“ sinnlich-direkt einzuführen und mit Kindern darüber nachzudenken, wovon die in den Schachteln befindlichen Gegenstände erzählen könnten. Wäre auch für Kinder der heutigen Wegwerfgesellschaft „Sachensammeln“ eine attraktive Form der Erinnerungsbewahrung? Welche Dinge würden die Kinder aufbewahren?

Esther Ingelfinger