Cover: Patricia de Arias, Marwans Weg


Der Weg, den Marwan geht, ist nicht freiwillig gewählt. Es ist die Flucht vor Bedrohung, vor einer kriegerischen Aggression. Doch diese Flucht hat keine Chronologie, keine historische Einordnung, auch kein Ziel. Sie endet an einer durch Stacheldraht symbolisierten Grenze und geht dann sogleich über in die Sehnsucht nach Heimkehr, zu einem Garten „voller Blumen und Hoffnung.“

Erzähler der Geschichte ist Marwan selbst. Überzeugend vermittelt sich die Erlebnisweise eines Kindes, das in Situationen gerät, die es nicht versteht, angstauslösende Situationen: der nicht enden wollende Weg, Nacht ohne Schlaf, die anonyme Bedrohung. Dabei ist der Text der chilenischen Autorin eigentlich nur der rote Faden, der die Bilder der katalanischen Künstlerin zusammenhält, welche die eigentliche Geschichte erzählen. Sie tun das mit einer wilden Farbigkeit, großflächigen ästhetischen Impulsen, die zunächst das Gefühl ansprechen. Manche Szenen und Motive deuten einen kulturellen Hintergrund an. Ocker-braune Bilder von Sandverwehungen, wie sie in der Wüste vorkommen, Palmen wie in einer Oase, orientalische Hausformen. Mal sitzt eine Familie zusammen, Männer und Frauen, die Frauen mit Kopftüchern, aus kleinen Gläsern Tee trinkend. Mal sieht man nur viele Füße im Sand oder Berge von Gepäckstücken. Ein kleiner Vogel taucht wiederholt auf und eine Katze mit gesträubtem Fell angesichts näher kommender Panzer. Insgesamt jedoch reihen sich Puzzlestücke einer Flucht aneinander, welche eine konkrete Zuordnung weitgehend aussparen. Eher verdichten sich die eindrucksvollen Aquarelle, ausgeführt mit breitem Pinsel und Farbroller, gemischt mit schwarzen Tuschezeichnungen, zu einem symbolischen Zeichen für Flucht und Migration. Die „Festung Europa“ jedoch ist nicht das Thema des Buches. Mit dem Verlassen der Heimat verbindet sich hier unmittelbar die Sehnsucht nach Rückkehr.  Bei einem Umgang mit dem Buch kann man den Bildern in ihrer emotionalen Wirkung vertrauen. Ohne den Text entstehen Assoziationen für Unterwegs-Sein, aber auch für das Gegensatzpaar Bedrohung und Geborgenheit – ausreichend Gesprächsanlässe für Kinder mit und ohne Fluchterfahrungen.

Rudolf Wenzel