Cover: Oren Lavie, Der Bär, der nicht da war

Das ist wieder mal ein Buch, in dem ein eigenwilliger Wort-Autor sich an einem ebenso eigenwilligen Bild-Künstler misst. Oder umgekehrt. Und damit sind wir schon mitten im Thema Selbstfindung, das sich ebenso spielerisch wie tiefgründig entfaltet. Entgegen der naturwissenschaftlichen Auffassung, dass erst etwas da sein muss, bevor es sich kratzen kann, entsteht hier aus einem Juckreiz der Bär, den der Juckreiz braucht, damit er sich fühlen kann. Ein Bär also, aber ein besonderer Bär, ein „sehr positiver Bär“. Und er hat eine Aufgabe, nämlich sich selbst zu finden. Dabei begegnet er einigen Tieren, die ebenfalls nicht in Brehms Tierleben auftauchen, z. B. dem Bequemen Bergrind oder dem Saumseligen Salamander. Nicht immer geht das ohne Konflikte ab. So weigert sich der Bär z. B., dem Befehl des Vorletzten Vorzeige-Pinguins zu folgen, die Blumen um ihn herum zu zählen. Seine Antwort, ganz im Sinne des Kleinen Prinzen: „Es ist besser, Blumen zu riechen, als sie zu zählen.“ Und wie nicht anders zu erwarten, der Bär erreicht sein Ziel, ein Haus, ein Bärenhaus, sein Haus. „Wohin gehen wir? Immer nach Hause.“ Das ist dann von Novalis.

Die Wunderwelt, in die der Bär aufbricht, die er durchwandert und in der er schließlich bei sich zu Hause ankommt, ist auch bildlich eine Wunderwelt. Ein phantastisches Spiel mit Formen und Farben. Aus irgendeinem alten Naturlexikon entnommene Abbildungen von Bäumen, Sträuchern und Blumen werden immer wieder neu montiert, arrangiert, vergrößert, verkleinert, eingefärbt und übereinander kopiert. Auch kleine gezeichnete Tiere sind darin zu entdecken. Gespiegelt wird so das „positive“ Naturell des tierischen Helden, der sich sicher ist, sein Ziel zu finden. Und es stört ihn nicht, wenn er so nebenbei immer wieder auf uralte Fragen der Philosophie stößt wie: Ist das NICHTS das Gegenteil von ALLEM oder gehört es dazu? Darauf gibt es nicht unbedingt eine Antwort. Eher geht es um Fragen, die gedacht werden sollten, aber nicht beantwortet werden müssen.

Das ist eine wunderbare Aufgabe für Kinder, die sich ausprobieren möchten und vielleicht eigene Antworten finden.

Rudolf Wenzel