Cover: Olivier Tallec, Ludwig I. – König der Schafe

Eines „windigen“ Tages weht Schafbock Ludwig eine blaue Krone auf den Kopf. Im Nu wird aus dem Vierfüßler ein aufrecht schreitender zweibeiniger Prahlhans mit großer Einbildungskraft. Mittels Zepter (ein Ast), Thron (ein Baum) und Königsbett (Waldmoos) herrscht Ludwig von da an als Ludwig I. gebieterisch arrogant. Er unterdrückt seine (recht desinteressierten) Artgenossen, versteigt sich zum übermächtigen Regenten und bringt als Despot Gleichschritt-Ordnung in sein Reich. Ausgerechnet an jenem Tag, ab dem nur noch die schönsten Schafe in seiner Nähe weilen dürfen, ist es sehr windig. Es kommt, wie es kommen muss: Aus Ludwig I. wird wieder Ludwig, der Schafbock. Im Schlussbild schreitet schon das nächste gekrönte Tier heran …Hintersinnig und mehrdeutig erzählt der bekannte französische Künstler eine Geschichte von Verführung und Verblendung durch Macht und von der Zufälligkeit, durch die Macht entsteht. Tallec gestaltet mit fein ziseliertem Strich seine blökenden Protagonisten und setzt sie in natürlich getönte Landschaften (Hügel, Wiesen,Wald). Jedes doppelseitige Bild führt eine abgeschlossene Szene vor und erweitert detailreich die wenigen, kurzen Sätze, die am unteren Bildrand auf einem weißen Rand stehen (gut fürs internationale Lizenzgeschäft). Ausnahmen bilden die beiden Doppelseiten, auf denen Tallec die Verwandlung(en) von Ludwig zeigt. Hier agiert Ludwig in kleinen comicartigen Bildfolgen allein. Überraschung oder Verblüffung, Verzückung oder Wut sind an Ludwigs Körperhaltung und Mimik gut abzulesen. Ludwig gerät zu einer Karikatur, an der das Typische eines Machtinhabers sichtbar wird. Hier liegt die Möglichkeit, Machtgier, Herrschsucht oder Unterdrückung zu diskutieren.

Übrigens: Es scheint, als kennte Tallec Georg Büchners Äußerung über Ludwig I., König von Bayern: „Sehet an das von Gott gezeichnete Scheusal, den König Ludwig von Baiern, den Gotteslästerer, der redliche Männer vor seinem Bilde niederzuknien zwingt, und die, welche die Wahrheit bezeugen, durch meineidige Richter zum Kerker verurtheilen läßt; das Schwein, das sich in allen Lasterpfützen von Italien wälzte, den Wolf, der sich für seinen Baals-Hofstaat für immer jährlich fünf Millionen durch meineidige Landstände verwilligen läßt, und fragt dann: ‚Ist das eine Obrigkeit von Gott zum Segen verordnet?‘“ (Der Hessische Landbote, Erste Botschaft. Darmstadt, im Juli 1834) Das wär ein guter Anlass, Karl Stielers Porträtgemälde dieses Königs von 1826 mit Tallecs Eingangsbild zu vergleichen.

Sabine Mähne