Cover: Nikolaus Nützel; Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg

Als dem Großvater ein Bein abhanden kommt und durch ein hölzernes ersetzt wird, ist er Soldat, 22 Jahre alt, und der Krieg, der später der Erste Weltkrieg heißen wird, drei Wochen alt. Der Tag der Verwundung wird alle Jahre wieder in der Familie Nützel mit einer Bowle gefeiert, weil ja der übrige Großvater noch lebte. Opa Nützel wurde dann Pfarrer und Nationalsozialist. „Wenigstens bis 1945“, bemerkt der Enkel mit einem gewissen Sarkasmus. Das ist die Ausgangslage.

Nützel beschreibt nicht nur historische Ursachen und Verlauf des Ersten Weltkriegs, sondern auch dessen Charakter. Das ist schwierig genug. Noch schwieriger aber ist sein Vorhaben, an diesem Krieg aufzuzeigen, dass es überhaupt keine Kriege mehr geben darf, obwohl jeder weiß, dass es nach dem Ersten noch einen Zweiten, viel schlimmeren, gegeben hat und dass es gegenwärtig in vielen Teilen der Welt viele weitere Kriege gibt, denen wir „zuschauen wie bei einem Fußballspiel“. Das Zitat vom Februar 2014 angesichts des Bürgerkriegs in Syrien stammt vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, demselben, dessen Regierung bis heute den Völkermord nicht zur Kenntnis nimmt, den das Osmanische Reich, damals Verbündeter des Deutschen Reiches, 1915 an den Armeniern verübte. Auch dieses Geschehen ist ein Thema des Buches, das mit Recht für den DJLP 2014, Sparte Sachbuch, nominiert ist.

Wie geht der Autor vor? Er wählt Themen aus: U-Boot-Krieg, Waffensysteme (Panzer, Geschütze, Giftgas), Kriegspropaganda, überschreibt aber auch ein Kapitel mit „Krieg als Geschäft“ und nennt die deutschen Firmen, die am Krieg verdient haben. In einem insgesamt abwechslungsreichen Layout sind die einzelnen Kapitel auf jeweils anders eingefärbtem Papier gedruckt. Der Erzähltext wird ergänzt durch zahlreiche Dokumente, Fotos, Zitate, Karikaturen, Literatur- und Medienhinweise. Ein Großteil der Abbildungen sind Fotos oder Objekte aus einer eigenen Sammlung.

Der Ich-Erzähler bleibt nicht neutral. Er nennt den Weltkriegshelden Manfred von Richthofen, der bei den „Peanuts“ als Red Baron in die Literatur einging, einen „Killer und Rassisten“. Er ist durch ganz Europa gefahren und hat Kriegsschauplätze und Kriegsgräberfriedhöfe nicht besucht, sonder gesucht. Er will die Auseinandersetzung, er will eine Haltung beschreiben, Emotionen wecken, provozieren, z. B. indem er eine Postkarte abbildet, die „unseren tapferen Truppen im Osten“ gewidmet ist und im Hintergrund eine brennende russische Stadt zeigt. Die aktuellen Bezüge sind leicht herzustellen: die Rüstungsexporte der deutschen Wirtschaft, das Thema Deserteure, das in der Bundeswehr nach wie vor kontrovers diskutiert wird. Der Leser wird dazu gebracht, selbst eine Haltung einzunehmen, auch der Rezensent. Um es mit Wolfgang Borchert zu sagen: „Sag nein!“

Rudolf Wenzel