Cover: Nicholas Gannon, Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt

Bei dem Debüt des US-amerikanischen Autors und Illustrators Nicholas Gannon handelt es sich um einen Abenteuerroman, in dem es zwar nicht zum eigentlichen Abenteuer kommt, aber dennoch so einiges Abenteuerliche passiert. Archer Benjamin Helmsley ist der Enkel eines berühmten Forscherehepaares, das am Nordpol verschollen ist – Anlass für Archers Mutter, den Sohn von jeglichen Streifzügen fernzuhalten. Im Haus scheint es einfach sicherer zu sein. Da es sich aber nicht um irgendein Haus handelt, sondern um die Weidengasse 375, ehemals von den Großeltern bewohnt und mit deren Reiseschätzen vollgestopft, regt sich dort gerade Archers Abenteuerlust: Er will ausziehen, die Großeltern suchen und sich so aus seiner langweiligen Lage befreien. Dazu braucht er Unterstützung von den Nachbarskindern: Oliver Glub, der zwar lieber keine Abenteuer erleben, aber unbedingt einen Freund finden will, und Adélaïde Belmont, eine Pariser Ex-Ballerina mit Holzbein, qualifiziert durch ihre angebliche Begegnung mit einem gefräßigen Krokodil. Nachdem die drei zusammengefunden und ungewöhnliche Reisevorkehrungen getroffen haben, richten sie bei ihrem Fluchtversuch zwar ein heilloses Durcheinander an, schaffen es aber nicht, die Stadt zu verlassen. Dennoch haben sie interessante Entdeckungen gemacht und konnten so einiges aufklären.

Gannon gelingen schön-skurrile, teilweise witzig karikierte Figuren, die er mit bezeichnenden Eigenschaften ausstattet, was sich auch in den filigranen Illustrationen wiederfindet. Beispielsweise stoßen Oliver und Archer im wörtlichen Sinne aufeinander, als Oliver mit geschlossenen Augen zur Schule rennt, weil es sich so schneller anfühlt, wenn man spät dran ist.

Die absurd-komische Handlung wird flott und mit Sinn für Sprachspiele wie bei den sprechenden Figurennamen (die unerträgliche Lehrerin Mrs. Murkley, nicht Murkli, aber doch ein Murrkopf) erzählt. Dafür findet die Übersetzerin Äquivalente, auch wenn die Zweideutigkeit des Titels verloren geht: „The Doldrums“ entsprechen auf Deutsch den Kalmen, eine von Seeleuten gefürchtete Tiefdruckrinne am Äquator, aus der Segelboote oftmals nicht mehr herauskamen. Umgangssprachlich kann „doldrums“ aber auch Niedergeschlagenheit oder Stagnation bezeichnen. Und aus eben dieser können sich die Helden der Geschichte befreien.

Sarah van der Heusen