Gaimans Schauerroman wird in einer kitschigen Blechdose angeboten. Schade, das Buch hat solche Mätzchen nicht nötig. Schon der Anfang lässt den Atem stocken: Der Mond scheint durch die Fenster eines Einfamilienhauses und beleuchtet drei verübte Morde, an Vater, Mutter und Tochter. Noch jemand soll dran glauben, „fast noch ein Baby, das gerade laufen lernte.“ Doch das Messer des Mörders trifft nur dessen Plüschbären. Der Kleine wackelt – die Wegwerfwindel verlierend – inzwischen Richtung Friedhof. Dort wird er aufwachsen, in Obhut der Toten. Sein Name wird Nobody.

Gaimans „Ghost novel“ wurzelt in der  Schwarzen Romantik, aber die Story spielt nicht im Mittelalter. Die z. T. ironischen Figurencharakteristiken und Dialoge, die bruchlosen Übergänge  zwischen Vergangenheit und Gegenwart, historischen Toten, phantastischen Wesen und Lebenden, erinnern an Altmeister E. T. A. Hoffmann, der sich wiederum englischer Vorbilder bediente. Nobodys ungewöhnliches Zuhause hat neben dem Gruseleffekt tiefere Bedeutung. Was hier auf Gräbern und Gruften geschrieben steht, aus diesen steigt bzw. „geschichte“t darunter wohnt, spiegelt die zeitlose Auseinandersetzung der Menschen mit der Unfassbarkeit eigener Endlichkeit. Rituale und Kulte künden davon, sich ein Bild vom Jenseits zu machen und den Wegen dorthin. Der britische Autor mischt Mythen verschiedener Kulturen. Sein literarischer Ort, eine Insel, war einst von Kelten besiedelt, später kamen die Römer, übrig blieb Caius Pompeius. Die Ghule sind arabischen Ursprungs, mit Nobodys Mentor Silas, einem Wiedergänger, wird der buddhistische Glaube an Wiedergeburt zitiert und im Kapitel „Danse macabre“ spiegeln sich mexikanische Totentanzrituale. So erfährt Nobody – und mit ihm der Leser – auf atemberaubende Art viel über tatsächliche und mythische Menschheitsgeschichte(n). Aber Nobody lernt auch von Lebenden. Er geht kurzzeitig zur Schule, setzt sich mit Mobbing-Typen auseinander und ist mit dem Mädchen Scarlett befreundet. Zur Spannungsklammer gehört natürlich die Suche des Mörders nach dem einstmals Flüchtigen und Nobodys Suche nach Mordmotiv und Mörder. Dieser Rahmen gehört zum Fantasymainstream, wovon sich das Buch insgesamt qualitativ wohltuend abhebt. Am Ende verliert der 15-jährige Nobody Schritt für Schritt seine übersinnlichen Kräfte und verlässt die Toten, um sich dem Leben zu stellen.

Für kreative Aktionen bietet das Buch reichlich Stoff. Nobody lernt z.B. anhand der Grab-aufschriften das Alphabet und die Zahlen, Lesen, Schreiben, Rechnen und Latein. Was liegt näher als eine Grabsteinerkundung in nächster Nähe? Was hätte Nobody hier finden können? Was schreiben Überlebende den Verblichenen auf die Steine? Und was sagen diese Aufschriften über Tot(e) und  Leben(de)?

(Der Rote Elefant 27, 2009)

Claudia Rouvel