Lea ahnt es längst: Mama wird nicht mehr lange leben. Der überwunden geglaubte Krebs ist zurück. Die Medikamente, von denen die Haare ausfallen, wirken nicht mehr. Als jedoch Leas beste Freundin Noa die bittere Wahrheit ausspricht und alle Mitschüler*innen, die Mama in der Fernseh-Krebsgala gesehen haben, mitleidig gucken, hält Lea es nicht mehr aus. Sie bekommt ebenfalls Krebs, „Prügelkrebs“, wird aggressiv gegen andere und hofft, wenn sie Noa hasst, „wird Mama wieder gesund“. Damit spielt sich die Super- Fußballerin selbst ins Aus, denn natürlich weiß Lea: Es gibt keine bessere Freundin als Noa! Eigentlich ist Noa wie eine Zwillingsschwester, liebt wie Lea Delfine, spielt im gleichen Fußballverein und radelt täglich, auf Versöhnung hoffend, an Leas Haus vorbei. Als diese realisiert, dass weder Magie noch Aggressionen Mamas Tod abwenden können, versöhnt sie sich mit Noa, woran Leas Bruder nicht unbeteiligt ist. Im „Schwitzkasten“ überzeugt er die Schwester davon, dass nicht nur sie Angst davor hat, ohne die geliebte Mutter weiterzuleben.

Moni Nilsson bindet ihre psychologisch ausgefeilte Familien- und Freundschaftsgeschichte konsequent an die Ich-Perspektive ihrer Erzählerin. Überdies spiegeln kurze Kapitel mit prägnanten Titeln und abrupte Sätze innerhalb eines schnörkellosen Textes, den Angelika Kutsch einfühlsam ins Deutsche übertrug, Leas Gefühlsschwankungen zwischen Trauer, Hilflosigkeit und Zorn. Deutlich wird, dass Lea kein Mitleid will, sondern „normal“ behandelt werden, wobei ihr magisches Denken an Marjolijn Hofs „Tote Maus für Papas Leben“ oder Jutta Richters „Hechtsommer“ erinnert. In der Gestaltung der Figuren beeindruckt  besonders die Stärke der Mutter. Diese tut alles, um der Familie ihr „Gehen“ leichter zu machen. Sie verreist ein letztes Mal mit Mann und Kindern, bespricht Tonbänder, schreibt Listen für Geburtstagsgeschenke für die nächsten Jahre oder strickt Lea einen Pullover, in den diese irgendwann reinpasst und der nach Mama riecht. Laut letztem Wunsch bemalen die Kinder den Sarg der Mutter mit deren Lieblingsfischen, darunter Delfine.

„Tod“ ist in der Kinder- und Jugendliteratur seit langem kein Tabu mehr. Im wirklichen Leben wird das Thema jedoch Kindern gegenüber oft vermieden. Nilssons Kinderroman macht somit ein Gesprächsangebot und führt beispielgebend vor, dass in ausweglosen Situationen nur eines hilft: füreinander da zu sein und miteinander zu reden. Lea sagt trotzig: „Ich wünschte, dass kein Kind auf eine Beerdigung gehen muss“. Diese Feststellung könnte provokativ eine Buchvorstellung einleiten. Was denken die Kinder über diesen Satz?

(Der Rote Elefant 38, 2020)

Christine Dreesen