Cover: Moa Eriksson Sandberg: Und plötzlich war der Wald so still

Anlass für die Erzählerin, die Ereignisse eines unvergesslichen Sommers zu rekapitulieren, ist ein wiederkehrender Alptraum. „Der Wald ist trügerisch still und ich renne, so schnell ich kann.“ Jedes Mal wacht Hanna rechtzeitig wieder auf, bevor der Mann seine Hände um ihren Hals schließen kann, aber die Angst bleibt. Bevor Hanna in diesem Sommer zwölf wurde, liebte sie den Wald mit Badefelsen und See als Kindheitsort der Freiheit. Dort alberte sie mit den Freundinnen Jonna und Sabina, dort war sie glücklich. Plötzlich wird dieser Ort zu einem Ort der Angst und Bedrohung. Die 14-jährige Linda ist verschwunden und wird erst Wochen später im Wald gefunden, vergewaltigt und ermordet. Der Mörder bleibt unentdeckt. Parallel zu dieser Gewalttat gerät Hannas Familie in eine Krise. Auch die Freundinnen entfernen sich voneinander. Alles was geschieht, scheint mit Sexualität verbunden. Der Vater trennt sich wegen einer anderen Frau und Hanna beobachtet die Mutter beim Beischlaf mit einem Bekannten. „Ich wollte schreien. Aber wie sollte ich je wieder normal mit ihr reden, wenn sie erfuhr, was ich gesehen hatte.“ Sabina knutscht mit Matti auf dem Badefelsen und glaubt Hanna nicht, dass dieser ihr schon mal unter den Rock gefasst hat. Hanna ekelt sich bei ihrer ersten Periode und sucht trotzdem die Nähe jugendlicher Motorradfahrer, die ständig am Dorfkiosk rumhängen und sie erwartungsgemäß anquatschen. Aber da ist auch noch der zugezogene Janek, von dem sich Hanna auf bisher unbekannte Weise angezogen fühlt.

Mit Hanna gelang der Autorin das Psychogramm einer impulsiven, verletzlichen Pubertierenden, in deren Denk- und Gefühls-Auf-und-Ab sich besonders jugendliche Leserinnen wiedererkennen werden. Hanna erfährt sich in diesem Sommer erstmalig als Kind-Frau. Ihr diffuses Verhältnis zu Sexualität und ihre dementsprechenden Beobachtungen schwanken zwischen Angst, Neugier und Lust. Angstlust beherrscht auch die Haltung der Dorfbewohner zum Mord an Linda. Klatsch und Tratsch über Selbstverschulden wegen sexueller Freizügigkeit sind wochenlang Gesprächsthema Nr. 1, so wie überhaupt das Herziehen über alles und jeden das Dorfklima bestimmt. Im gestalteten Milieu kennt sich die Autorin offenbar gut aus. Als die Eltern beschließen, einen Neuanfang in Göteborg zu wagen, symbolisiert der Abschied vom südschwedischen Dorf mit Wald, Fels und See nicht nur den Abschied Hannas von der Kindheit, sondern auch von einem geistig beschränkten Lebensumfeld. Schwedische Dorfidylle findet sich nur in Reiseprospekten.

Claudia Rouvel