Cover: Mirjam Pressler, Ich bin's Kitty. Aus dem Leben einer Katze

„Was Katzen so denken bei Tag und bei Nacht, hat nie ein Mensch herausgebracht.“ Wohl aufgrund dieser Weisheit erzählt Katze Kitty lieber selbst ‚aus ihrem Leben‘. Immerhin hat sie, als beinahe verunglücktes Baby von der pensionierten Lehrerin Emma gerettet, Lesen und Schreiben gelernt. Überhaupt ging es Kitty in ihrem ersten Katzenleben bei Emma bestens. Doch als die alte Frau ins Pflegeheim musste, verlor Kitty das gemütliche Zuhause und landete auf der Straße. Andere Haus- und Streunerkatzen halfen ihr, für sich selber zu sorgen und mit Gefährt*innen umzugehen. Dazu gehörten Bruno, den sie liebte und ebenfalls verlor, Flecki, die ihr zur „Als-ob-älteren Schwester“ wurde, und Anusch, die aus einem kriegsversehrten Land eingewandert war. Das zweite Leben bot Kitty viel Freiheit. Doch als sie mit Einzug der Herbstkälte bemerkte, dass sie Junge bekommen würde, musste sie ein neues warmes Heim finden …

„Was die Geschichte uns lehrt, ist bedenkenswert.“ Natürlich ist die Protagonistin eine Erfindung der Autorin Mirjam Pressler, einer Katzenliebhaberin, profunden Menschenkennerin, wachen Zeitgenossin und hervorragenden Erzählerin. Ihr gelang eine Geschichte, die tierische Eigenarten aufgreift und nachvollzieht, aber in den Katzenleben sowohl menschliche Schicksale spiegelt als auch Antworten auf eher allgemeine Lebensfragen erteilt (vor allem zu Verlusten). Dabei kommt „Gewichtiges“ katzengemäß auf leisen Pfoten daher, was verschiedene Altersgruppen in ihren Bann ziehen wird. Presslers Kitty erzählt gelassen, manchmal augenzwinkernd und flicht in ihre Betrachtungen erinnerte Weisheiten von Lehrerin Emma oder philosophische Diskurse mit Kater Bruno ein. Im Freundeskreis erzählt man sich sogar weltliterarisch-vorbildliche Geschichten, z. B. über einen Rattenfänger oder den Archebauer Noah. Lesemotivierend wirkt von vorneherein die Gliederung in kurze, mit sinnreichen Sprüchen überschriebene Kapitel und – nicht zuletzt – die farbig-opulente Ausstattung: Einband, Titelblatt und Kapitelanfänge zieren in warmen Orange-Braun-Tönen gezeichnete Katzenfiguren, jeweils in ‚sprechender‘ Haltung und mit ausdrucksvoller Mimik; zusätzlich ‚untermalen‘ humorvolle vignettenartige Bilder einzelne Passagen.

Der Audio Verlag gab auf CD eine Lesung (mit Andrea Sawatzki) in ungekürzter Fassung  heraus. Damit könnte in literaturvermittelnden Veranstaltungen Kitty quasi unmittelbar zu Wort kommen, so dass Anlässe für Gespräche sowie eigene Dicht- oder Illustrationsversuche gegeben wären. „Man kann nicht alles vorher wissen, man wird es wohl erfahren müssen“ …

Edda Eska