Mirjam Pressler verwebt in ihrem historischen Roman über das Leben im jüdischen Viertel um 1600 die weltbekannte Sage vom Prager Golem mit der Adoleszenzgeschichte des 13-jährigen Jankel.
Jankels Großonkel ist der berühmte Rabbi Löw. Bei ihm fühlt sich Jankel eigentlich geborgen, es graust ihn nur vor dem unheimlichen Josef unterm Dach, einem stummen monströsen Wesen, hässlich und abstoßend. Aber jedem Grauen wohnt auch die Lust am Gruseln inne. Der Neugier und Phantasie des Jungen entspringen die Kräfte, die ihn verbotener Weise auf den Dachboden treiben. Dort findet er Josef wie tot am Boden liegend. Entsetzt flieht Jankel, gepeinigt vom Glauben, einen Toten entdeckt zu haben. Träume und Wahnvorstellungen rauben ihm den Schlaf. Schmulik, der ins Vertrauen gezogene Freund, der wie Jankel Bäcker wird, erzählt von der Erschaffung des Golem Josef. Dieser dient dem Schutz der Juden. Mit nie versiegender Kraft wehrt Josef Angreifer ab. Bedingungslos folgt er den Befehlen des Rabbi Löw. Jankels Furcht wandelt sich in Ehrfurcht, seine Abneigung in Zuneigung zu diesem einsamen künstlichen Lehmmenschen. Unter Josefs Schutz erfüllt Jankel einen wichtigen Auftrag: Er findet Christen-Menschen, die eine Ritualmordbeschuldigung gegen einen reichen Juden entkräften. Immer wieder sind solch ein Vorwurf Anlass für Hetztiraden und Pogrome. Doch die Verteidigungsfunktion des Golems verselbständigt sich und endet in einem Gewaltrausch.

Indem Pressler das Ende des Golems als Amoklauf erzählt (dabei auf das Motiv des Zauberlehrlings und den Mythos von David und Goliath verweist), warnt sie vor Anmaßung und Arroganz und mahnt Respekt gegenüber dem Anderen und Fremden an. Sinnlich und lebendig wirkt der gesamte Text, weil die Autorin ihn in zwei Perspektiven gestaltet: jede Episode wird von einem überschauenden Erzähler geschildert, ergänzt durch Jankels Ich-Perspektive. Damit gelingt eine hohe Dichte und Authentizität. Die zahlreichen Nacht-Szenen in den Gassen der Prager Judenstadt sind geheimnisvolle Kulisse, in der Wirklichkeit und Phantasie ineinander übergehen. Das tatsächliche Geschehen mischt sich mit dem Gesehenen, das Jankels Phantasie entspringt: Josefs lehmiges starres Antlitz glättet sich zum Gesicht des Rabbis, Menschengestalten eilen als  Schatten von Haus zu Haus, Stimmen raunen eindringliche Warnungen …  Jahre später will Jankel als Geschichtenerzähler auf Wanderschaft gehen.

„… die Menschen brauchen auch Geschichtenerzähler. Wie Brot Nahrung für den Leib ist, sind Geschichten Nahrung für Herz und Seele, und wenn sie nicht erzählt werden, müssen sie sterben. Geschichten verbinden die Vergangenheit mit dem, was heute ist und was morgen sein wird, sie dringen durch das Ohr in Kopf und Herz und lassen uns innerlich wachsen.“ Mirjam Pressler formuliert mit diesen Sätzen ihre eigene Schreibmotivation. Ihr ist ein ästhetische überzeugendes Jugendbuch gelungen, das Mythos und historische Wahrheit, innere und äußere Spannung gekonnt miteinander verbindet.

(Der Rote Elefant 25, 2007)

Sabine Mähne