Dieses Buch erzählt von der Macht der Sprache. „Ich fühle mich wie der einzige Mensch, der den Job des Dorftrottels nicht bekommen hat, weil er hoffnungslos überqualifiziert ist.“ Wer so denken und formulieren kann, dem steht „Sprache“ zur Verfügung, doch der 14-jährige Erzähler Ismael ist sich dessen nicht bewusst. Er fühlt sich als Looser, auch wegen seines Namens, der ihm seit der Grundschule Hohn und Spott einträgt. Ismaels fehlendes Selbstvertrauen spornt Barry und seine Gang zu Höchstleistungen der gemeinen und demütigenden Art an. Ismael Versuche, sich unsichtbar zu machen, scheitern. Immer tiefer verkriecht er sich in sein aus Passivität und Schüchternheit „gebautes“ Schneckenhaus. Hellsichtig und sensibel kann Ismael Charakter und Verhalten anderer, beurteilen, aber vor lauter Selbstverachtung nutzt ihm auch diese Fähigkeit nichts. Selbst seine unbändigen Rachegelüste laufen ins Leere. Da tritt James Scobie auf den Plan. Äußerlich das geborene Opfer. Aber weit gefehlt! James bringt die Gruppendynamik der Klasse überraschend in Bewegung. Barrys Brutalität perlt an James’ Gelassenheit einfach ab, Beleidigungen weist dieser wortgewandt zurück. Verbal ist der scheinbar Mächtige dem Schmächtigen nicht gewachsen, Barrys Machtposition wankt. Als James’ Freund gewinnt Ismael allmählich Selbstvertrauen. Fassungslos erkennt er liebenswerte Seiten an sich. Anerkennendes Interesse kann er endlich akzeptieren, Unterstützung annehmen und geben. Als Härtetest für Ismael erweist sich die Mitarbeit in James’ Debattierclub. Erstmalig wagt es Ismael vor vielen Menschen frei zu sprechen. Sein Vorhaben, Barry dabei bloßzustellen, lässt er fallen, aber diesmal ganz (selbst)bewusst …

Der australische Autor und Lehrer Michael Gerard Bauer, bekannt durch sein Debüt „Running Man“ (DJLP-Nominierung 2008-Jugendjury), greift im zweiten Buch die zeitlosen Themen Mobbing, Ausgrenzung und körperliche Gewalt auf. Trotz ernster Thematik ist das Buch ein spannend-temporeiches Lesevergnügen, wobei an keiner Stelle die Situation des Opfers banalisiert wird. An Ismael wird deutlich: Kleine Schritte hin zu verbaler und sozialer Kompetenz weisen den Weg aus der Opferrolle. Gegenläufig zur gefühlten Minderwertigkeit erzählt Bauers Hauptfigur mit Witz, Selbstironie und Sinn für komische Situationen. Diese Erzählweise wird Leser an den Text binden. Bei der Lektüre können sie genussvoll die wachsende ‚Macht der Sprache’ verfolgen. Jugendliche wissen: Rhetorische Kompetenz entscheidet über schulischen und beruflichen Erfolg. Ein vertiefender Umgang böte sich nach Kenntnis des Buches natürlich an. In welchen Situationen werden Worte als Machtmittel eingesetzt? Welche Macht hat ein sprachgewandter Mensch? Die Kommunikation zwischen Schülerinnen und Schülern einer Klasse liefert dafür zahllose Beispiele.

(Der Rote Elefant 26, 2008)

Gisela Rhein