Cover: Michael De Cock; Rosie und Moussa

Weil der Vater „plötzlich weg“ ist, müssen Rosie und die Mutter mit nur wenig Sachen in ein Hochhaus am anderen Ende der Stadt ziehen, für Rosie „das andere Ende der Welt“. Für beide ist dieser Neuanfang nicht leicht, sie vermissen den Vater, und Rosie glaubt nicht, dass sie schnell neue Freunde findet. Glücklicherweise begegnet sie gleich beim Einzug dem Jungen Moussa, der über Rosie wohnt. Moussa nimmt Rosie mit aufs Dach: „Da stehen sie also. Wie zwei Königskinder ganz oben auf dem Dach ihres Hochhauses. Es sieht aus wie ein großer Platz hoch oben in der Luft. Weit, ganz weit über der Stadt. Und es ist noch viel schöner hier, als Moussa erzählt hatte.“ Doch aufs Dach zu steigen, ist strengstens verboten, und Herr Tak aus dem Erdgeschoss, der die Einhaltung der Hausordnung penibel überwacht, ist ihnen auf den Fersen. Die Kinder verstecken sich, aber Herr Tak schließt die Dachtür von innen ab.

Wie es beiden gelingt, doch noch zu entkommen, ohne erwischt zu werden, und welche Rolle eine alte Zeitung, Moussas Hund Titus, der eigentlich ein alter, roter Kater ist, und die nette Nachbarin Frau Himmelreich, die nicht umsonst so heißt, dabei spielen, all das erzählt der belgische Autor Michael De Cock auf leicht verständliche, humorvolle Weise. Rosies Erzählperspektive wirkt authentisch und gibt einen ‒ nur angedeuteten ‒ Einblick in die Gedanken der Protagonistin, so dass der Leser weiterdenken muss. Mit wenigen Worten, gefügt zu kurzen Sätzen, gelingt es De Cock, die kleine Welt des Hochhauses als vielgestaltigen Mikrokosmos vorzuführen. Rosies Geschichte erscheint zunehmend als Geschichte eines hoffnungsvollen Neubeginns, weil gute Freunde überall zu finden sind. Auch kann aus einer flachen Dach-Betonfläche ein Ort der Schönheit, der Visionen und des Spiels mit der Phantasie werden. Die wie hingekritzelt anmutenden Illustrationen passen wunderbar zum reduzierten Text und verleihen dem Buch von Anfang an eine gewisse Leichtigkeit. Wenige schwarze Striche reichen der Illustratorin für ihre  Figurencharakteristiken. Selbst dem Griesgram Herrn Tak billigt sie Wandlungsmöglichkeiten zu und lässt ihn über das Dach tanzen, was so im Text nicht nachzulesen ist. Thema, Illustrationen und Schriftgröße machen das Buch auch für weniger geübte Leser empfehlenswert. Das Phantasiespiel „Umgekehrte Welt“, das Rosie und Moussa auf dem Dach spielen, worin „alles das genaue Gegenteil von dem [ist], was es in Wirklichkeit ist“, empfiehlt sich zur Nachahmung.

Beata Wilcke