Cover: Mats Wahl, Wie ein flammender Schrei

Vandalismus und Mobbing sind in vielen Schulen Alltag. Was kann man dagegen tun? Überwachungskameras installieren oder das Angebot bzw. das Schulklima freundlicher gestalten? Unbeirrt hinterfragt Mats Wahl seit Jahrzehnten in seinen sozialkritischen Jugendromanen das gesellschaftliche Bedingungsgefüge für o. g. Probleme. Im Nachwort verweist er auf Diskussionen an schwedischen Schulen, geht auf das soziale Umfeld der Jugendlichen ein, betont aber auch, dass dies nicht zwangsläufig zu deviantem Verhalten führen muss.

Schauplatz ist eine „Brennpunktschule“. Die neue Rektorin will deren lädierten Ruf aufbessern. Auch Hauptfigur Ellen ist neu, aber an „Schule“ eher desinteressiert. Sie hat eigene Probleme, ihre Mutter ist Alkoholikerin. Für sie selbst eher unerwartet findet die 14-jährige bald Freunde, wird aber auch gemobbt. Rädelsführer sind drei Klassenkameraden, die nur aus Frust und Aggressivität zu bestehen scheinen. Diese legen schließlich in der Schule Feuer. Infolgedessen, wenn auch unbeabsichtigt, sterben Schüler und eine Lehrerin, eingeschlossen in einen Kellerraum. Ellen wird verletzt, aber überlebt.

Wahl versucht in den Kurzbiographien seiner Figuren Schwarz-Weiß-Klischees zu meiden, indem er Jugendliche und Erwachsene in persönliche Problemsituationen stellt, die ihr Handeln grundieren. So offenbart der Routinebesuch der Schuldirektorin bei den eigenen Eltern eine ausgesprochen gestörte Beziehung und die zuständige Ministerin prüft überfordert, ob die Teilnahme an der Beerdigung in ihren Terminkalender passt. Als Erzähler nimmt Wahl die Sicht eines kühl-distanzierten Beobachters ein. Die Farbe der Möbel oder das Wettergeschehen haben den gleichen Stellenwert wie das Verhalten der Figuren, welche dadurch wie von sich entfremdet wirken. Leider hält Wahl diese Haltung erzählerisch nicht durch. Es finden sich sprachliche Ausrutscher, die einem gestandenen Autor nicht unterlaufen dürften, wie z. B. „Das Klingeln durchbricht die Hülle der Musik und trifft sie wie ein scharfkantiger Stein in den Nacken.“ Oder wollte die Übersetzerin sprachgewaltig glänzen? Und wer verantwortet den völlig verfehlten deutschen Titel? „Schlangenvogel“ lautet der Originaltitel und meint den Vogel, den Ellen oft zeichnet und der sie selbst gern wäre.

Es wäre interessant, mit Jugendlichen die 33 Punkte der „Mängelliste“ (S. 68 ff.) mit ihren eigenen Erfahrungen zu vergleichen und darüber zu reden, wo die rote Linie verlaufen sollte. Zudem könnten die Romanfiguren daraufhin untersucht werden, welche Chancen sie jeweils hätten, aus ihrem Leben etwas zu machen. Und weshalb das so sein könnte.

Rudolf Wenzel