Cover: Martin Heckmanns, Konstantin im Wörterwald

Konstantin „staunte manchmal, dass er überhaupt reden konnte“ und „das Staunen staute seinen Redefluss“, aber „wenn er laut las, stotterte er nie“.

Heckmanns Held hat kein Sprach-, sondern ein Sprechproblem. Um ihn davon zu befreien, nutzt der Dramatiker in seinem Prosadebüt (DJLP-Nominierungsliste 2015) einen Kunstgriff. Er gibt Konstantin die Idee ein, sein Problem in einer eigenen Geschichte zu thematisieren. Konstantin übernimmt die Erzählerrolle und installiert seinerseits einen Helden namens Konstantin. Diesen lässt er in klassischer Märchenmanier aufbrechen, um eine Schöne zu befreien. Auf dem Weg zu ihr begegnet Konstantin Figuren, denen die Wörter fehlen. So fragt er z. B. eine Schleiche: „Raus mit der Sprache, wer hält das Mädchen gefangen?“ Die Antwort: „ ‚Ein Un-un-un…‘ und Konstantin ergänzt: ‚Ein Unhold? Ein Unding? Ein Ungetüm?‘ “. Da Erzähler Konstantin die Schöne als „schweigende“ charakterisiert, muss Held Konstantin viel fragen, um Kontakt herzustellen und schließlich spricht er von sich … Durch Übertragung der Sprechhemmungen auf erdachte Figuren ermöglicht Erzähler Konstantin mittels seines Märchenhelden Konstantin dem objektiv eingeführten Konstantin ein Sprechen auf Probe. Heckmanns Erzählkonstruktion gelingt weitgehend, wobei sich z. T. die Erzählerrollen unzulässig überlagern oder Wertungen die Leser bevormunden: „Sein Mut und sein Wissen ließen ihn wachsen“. Insgesamt leisten Spannungsaufbau, Situationskomik, Textdichte und -rhythmus und intertextuelle Bezüge (Goethe, Brentano, Kafka) einen wichtigen Beitrag zu Sprachverständnis und literarischer Bildung. Heckmanns Beschäftigung mit der Frühromantik zeigt sich im lustvollen Umgang mit Alliterationen, Sprichwörtern und Wortspielen: „Die Fliege Namenlos führte sie im Zickzack durch das Wirrwarr“.

Stefanie Harjes‘ assoziative Illustrationen setzen Konstantins Probleme sensibel ins Bild. „Stifte“ wirken als hilfreiche Begleiter: beim Balancieren über ein Buchstabenseil oder als Wanderstöcke. Ein (chagallscher) Fiedler auf dem Dach spielt zum Lied der Schönen auf, welches den Helden zum Aufbruch inspiriert, und das Gespräch des Musikers mit einem weiblichen, geflügelten Wesen deutet das glückliche Ende früh an. Perspektivwechsel, Objektanordnungen und direkte Blicke, welche Menschen, Tiere und Misch-Wesen auf die Betrachter richten, animieren zum Zusammendenken von Text und Bild. Mit entsprechenden Materialien ausgestattet (u. a. farbige Tuschen, Kohle, Stempel, Collagepapiere), könnten Kinder versuchen, sprachspielerische Begriffe, wie z. B. „Unhold“, „Untier“ oder „Unding“ in Harjes-Manier illustrativ umzusetzen.

Claudia Rouvel