Als ihr drittes Werk legt Marlene Röder nach zwei preisgekrönten Jugendromanen einen Band mit Erzählungen vor, der ebenfalls preisverdächtig ist. Nicht von ungefähr versammelt er genau 18 Geschichten über Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein.

Die Protagonisten sind Mädchen und Jungen – attraktiv oder pummelig, eher in sich gekehrt oder extrovertiert, aus intakten oder zerbrochenen, mehr oder weniger gut bemittelten Familien; einzelne mit Handicap oder Migrationshintergrund; insgesamt ein beträchtlicher Querschnitt heutiger Jugend. Und so wie jede/r Einzelne ein Individuum ist, bildet auch jede der Erzählungen ein stilistisches Unikat. Zugleich aber knüpft die Autorin – sowohl auf thematischinhaltlicher Ebene als auch auf formale Weise – Netze: Alle Protagonisten erzählen über Lebensmomente, die sie vor Entscheidungen stellen oder mit Folgen von Verhalten konfrontieren, dabei stets ihre Gefühls- und Gedankenwelt durcheinander bringend. Es sind zumeist alltägliche Momente, für ihre Reifung und ihr weiteres Leben aber durchaus von existenziellem Belang – etwa die Peinlichkeit nach dem ersten Mal, Schuldempfinden beim Verlust des/r besten Freundes/in, Selbstbehauptungsdrang gegenüber Erwartungen von Eltern oder Gruppen, Zukunftsträume. Überwiegend erzählen die Protagonisten selbst; wenige Male per Figurenperspektive; manchmal auch in direkter Ansprache an ein Gegenüber. Daraus für Leser/innen resultierendes Identifikationspotential ist durchweg an die Herausforderung gekoppelt selbst weiterzudenken. Denn Röder lässt die jeweils nur ein paar Seiten umfassenden Erzählungen stets am Punkt der Zuspitzung ihres Konflikts enden. Solche Punktgenauigkeit gelingt ihr auch sprachlich; oft hakt sich besonders der letzte bildhafte Satz gleichsam fest. („Ich merke, wie die Scherben in meine nackten Füße schneiden, aber ich laufe weiter.“ / „Fabian antwortet nicht, was soll man darauf auch antworten.“) Protagonisten aus einzelnen Geschichten tauchen – wie manchmal in Episodenfilmen – in anderen als Nebenfiguren auf.

Das erweitert das Blickfeld, setzt Außen- und Innenperspektiven zueinander in Beziehung. Valeria beispielsweise ist für den Erzähler der Titelgeschichte eine ihn anziehende Bezugsperson und offenbart später ihr eigenes, wiederum einen anderen Jungen mitbetreffendes Problemfeld.

Von der Lektüre einzelner Geschichten oder des gesamten Bandes könnte manche Jugendgruppe sich angeregt fühlen, Konstellationen und Situationen, die ihre Mitglieder selbst geprägt haben, ebenfalls zu schildern. Zusammen ergeben ihre Texte dann womöglich ein neues Geflecht.

(Der Rote Elefant 30, 2012)

Edda Eska